Mittwoch, 23. November 2016

Vom Beurteilen und einem Rock


 Okay, worum soll es heute gehen? Zunächst mal habe ich mir einen neuen Rock genäht. Einen warmen für den Winter. Ich glaube es ist echt schon lange her, dass ich mir etwas genäht habe. Das liegt vor allem daran, dass in meinem Kleiderschrank alles benötigte vorhanden ist und ich eigentlich nicht wirklich neue Klamotten brauche. Dieser Rock wurde über den Durst genäht. Aber da war dieser Sommersweat. Gekauft für ein anderes Projekt. Blöderweise lief er beim Waschen so stark ein, dass er für das geplante Projekt unbrauchbar wurde. Man, was habe ich mich geärgert. Dieser Rock spukte mir aber schon ein bisschen im Kopf rum und da nunmal Stoff da war, ausreichend für dieses Projekt, habe ich losgelegt. 20 Minuten hat es gedauert und meinen Frust über das verschobene andere Projekt gut beseitigt. Das Grau hebt sich mit diesem ungewöhnlichen Schnitt schon fast ins Bunte auf.


 Des Weiteren ging mir vor allem beim Betrachten der Bilder der Gedanke durch den Kopf, wie viele Menschen wohl meinen, dass ich gefälligst keine so kurzen Röcke tragen sollte. Zumindest wurde mir das früher oft gesagt. Kennt vermutlich jede Frau solche Äußerungen. Mittlerweile können mir diese Äußerungen den Buckel runterrutschen. Außerdem habe ich vor einiger Zeit schon angefangen meine eigenen Gedanken in diese Richtung zu hinterfragen, wenn ich andere Menschen in der Öffentlichkeit in vermeintlich unpassender Klamotte beobachte. Ich habe es mir so gut wie abgewöhnt, Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung, vor allem ihrer Klamotten zu beurteilen. Erschreckend, dass ich das überhaupt tun musste. Das Abgewöhnen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann das anfing. Ich glaube diese Beurteilen aufgrund der äußeren Erscheinung wird zu vielen Menschen zu nachhaltig beigebracht. Im Café sitzen und die Styles der Vorbeilaufenden beurteilen, wer hat das mit befreundeten Menschen nicht schon getan? Und mit "Beurteilen" meine ich am allermeisten dieses Lästern. Vielleicht nicht bewusst, aber mit Sicherheit tun das viele Menschen. Und wenn es nur aus der Selbsterfahrung resultiert, wie auch ich sie oben schon beschrieben habe. Ich beobachte furchtbar gerne Menschen, aber das Beurteilen ist etwas anderem gewichen. Das Nichtbeurteilen (wie es ernsthaft yogisch Lebende nennen) ist jetzt inspirieren lassen. Macht auch viel mehr Spaß. Es eröffnet einem ganz andere Möglichkeiten, vor allem um Mode auch für andere kreative Projekte zu nutzen. Und das Ganze natürlich auch aus Sicht der Gedanken, die Worte, die Taten werden und so. Hätte ich auch mal früher drauf kommen können. So lange sich die Menschen in ihren Klamotten wohlfühlen, ist doch alles andere egal. Ausser bei Nazikluft. Da hört es bei mir mit dem Nichtbeurteilen doch ziemlich schnell auf.


 All das ging mir schon beim Nähen des Rockes durch den Kopf. Darum fand ich genau diesen Aufnäher auch so wunderbar passend. "If you don´t like me the way I am, I don´t like you at all". Der war, glaube ich, von trouble x. Da gibt es einen ganzen Haufen guter Aufnäher und noch viel mehr. Übrigens haben die Menschen von trouble x auch dafür gesorgt, dass ich weitestgehend geschlechtsneutral schreibe. Falls das wem aufgefällt. Das nur als kleiner Fun Fact am Rande. 


 Soviel Gedankenkram in kleinen Häppchen in einem Blogeintrag zu einem so simplen Röckchen. Der Schnitt ist übrigens selbst gemacht, der Bund mit Gummizug, die Säume nicht gesäumt. Beide Lagen in einem Rutsch zusammen genäht halten den Hintern im Winter sicherlich auch gut warm. Danke an meinen Lieblingsbruder fürs Bilder machen. Als kleine Signatur hat er auf dem ersten Bild seinen Schatten mit drauf gemogelt. Und aus Gründen passt all das heute fabelhaft in diese Mittwochssammlung.

Kommentare:

  1. Ich mag deinen Rock und finde gut, dass du über das Nichtbeurteilen sprichst. Und stimmt: Ich denke auch noch zu oft, wie kann die das oder das nur tragen - oder: der sollte aber das oder das besser nicht anziehen. Aber: Alles geht. Oder wie meine Mutter jetzt dazu fast schon stoisch sagen würde: Der liebe Herrgott hat einen großen Tiergarten. ob Herrgott oder nicht, ich mag den Twist zum Inspirierenlassen und werde mir das jetzt auch viel mehr vornehmen. Danke dir!
    LG. susanne

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    1. das ist ein ziemlich cooler spruch von deiner mutter ;) und ich danke dir für deine rückmeldung. viel erfolg bei deinem vorhaben.
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Tolles Thema.
    Musste mir nix abgewöhnen, da ich Menschen nie nach ihrem Äußeren beurteile. Das wurde mit mir meine ganze Jugend gemacht. Ich war immer schon anders. Nie das typische Mädchen. Eine Taffe, die Sachen gemacht hat, die andere nicht machten. Ich hab zum Teil vogelwild ausgesehen. Einfach so wie es mir gefiel. Damit konnten meine Altersgenossen nix anfangen. Damals musste man stereotyp aussehen. Jungs wie Jungs und Mädchen wie Mädchen. Das hat mich sehr stark gemacht, darum bin ich froh.
    Ich bin mit Sicherheit immer noch eine, über die getuschelt wird. Aber wen juckts. Wenn uns die kurzen Röcke halt auch so verdammt gut stehen :)
    Wenn wir als Familie unterwegs sind fallen wir sowieso immer auf. Das ist Standard. Bei uns hat jeder was außergewöhnliches zu bieten!
    LG Angela

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    1. ja, mir ging es in meiner jugend nicht anders. ich glaube ich habe diese beurteilungen auch nur überstanden, weil ich mich als das, was menschen von mir erwartet haben unwohl gefühlt hätte...aber diese beurteilen ist eben doch kleben geblieben. schön, dass du stark genug warst, das schon früh als unnötig zu identifizieren. und das mit der familie kann ich mir vorstellen. das ist mit sicherheit eine herrlich bunte karawane ;)
      liebsst,
      jule*

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  3. Toll! Ich steh ziemlich auf diesen Rockschnitt. Eine Lage minimal ausgestellt und eine mit Zipfel, richtig? Ich bin versucht, mich hinter die Nähmaschine zu werfen. (Sobald ich wieder was anderes tue, als zu arbeiten und zu schlafen.) Der Patch ist auch sehr großartig - ich muss wohl noch mehr Klamotten bepatchen, nicht nur meine Kutte.
    Deinen Gedanken zum Thema Optik anderer Leute möchte ich heftig zustimmen. Natürlich gefällt mir vieles nicht, was andere Leute tragen. Und ja, manchmal meldet mein Gehirn ungefragt, dass Kleidungsstück X an Person Y jetzt echt nicht so vorteilhaft wirkt. Aber wenn Person Y sich darin wohlfühlt, ist das toll. Und im beschissenen Falle, dass Person Y zum Beispiel aufgrund ihres Übergewichts keine andere (bezahlbare) Klamotte finden konnte als diese, ist das ein ganz anderes Problem als mein meckernder Geschmack...
    Aber gleichzeitig merke ich auch, wie schwer es manchmal in sozialen Situationen ist, wenn man kein Interesse daran hat, zu lästern. Mit Freunden geht das noch, aber mit Kollegen/Vorgesetzten finde ich es tatsächlich schwierig. :/

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. das mit der rockanleitung siehst du ganz richtig.
      und bei der optik: ich glaube nicht an mode, die etwas "kaschiert". das funktioniert nie und ist auch nicht der sinn von mode. und vorteilhaft oder nicht ist ja auch nur ansozialisiert.... geschmack und so und bourdieu winkt mal kurz rüber. ich muss übrigens sagen, dass das mit dem lästern aufhören mit den kollegen am besten klappt. ich bin da immer etwas rücksichtslos. versuch es einfach mal ;)
      liebe grüße,
      jule*

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  4. Ach wie ärgerlich, dass dir der Stoff eingelaufen ist. (Das erinnert mich daran, dass ich meine Stoffe eigentlich auch mal vorwaschen sollte... Dazu bin ich meist zu faul. ^^)
    Aber ich finde diesen Rock auch sehr gelungen, der sieht einfach cool aus. :D

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    1. ich wasche immer vor. vor allem, damit die stoffe vorher mal ordentlich ausbluten. am ende verfärbe ich mir noch die wäsche. ich sammle immer neue stoffe, bis die maschine voll ist. wäre ja ärgerlich, wenn der stoff nach dem mühevollen nähen eingelaufen wäre.
      liebe grüße,
      jule*

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  5. Spannendes Thema! Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht und ich muss zugeben, dass das schnelle Beurteilen aufgrund von Äußerlichkeiten bei mir nicht ganz rausgeht. In den letzten Jahre hat sich das sicher sehr minimiert, aber eben nicht zu 100 Prozent. Finde ich selbst aber auch gar nicht so schlimm, solange ich noch in der Lage bin, das selbst zu hinterfragen.
    Der Rock ist toll, der Aufnäher ebenfalls und ich seh gar keinen Grund, wieso du den nicht tragen solltest :)
    Liebe Grüße,
    Ronja

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    1. na, vielleicht kommst du ja noch auf 100 prozent ;) es hilft aber auch wirklich, wenn es einem selbst auffällt und stört.
      liebe grüße,
      jule*

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  6. Der Rock gefällt mir in seiner Schlichtheit sehr gut.
    Das Beurteilen von fremder Kleidung konnte ich mir noch nicht abgewöhnen. Aber ich bin auf dem richtigen Weg, mir fällt es zumindest auf, wenn ich abfällig denke und ich mache mir dann klar, wie blöd das ist. Ich würde es auch nicht aussprechen, aber der Gedanke "wie sieht das denn aus" taucht leider noch auf. Aber ich finde Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

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    1. auf jeden fall. alles andere wäre ja auch aufoktruiert und nicht echt. und wenn die authentizität fehlt dann wird das auch nur kampf.
      liebe grüße,
      jule*

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  7. Also, mein erster Gedanke, als ich den Post gesehen habe war: "was für ein cooles Styling". Und ich finde, dass Deine Beine und der Rock aber sowas von zusammen harmonieren!!! Das war jetzt zwar auch eine Beurteilung, aber, ich finde, Komplimente wollen auch ausgesprochen/-geschrieben werden!!! Alles Liebe, Yvonne

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    1. komplimente sollten unbedingt immer gemacht werden. auch wenn ich nicht danach heische. aber gut tun sie schon ;). ich danke dir!
      liebe grüße,
      jule*

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  8. Ein toller Rock, ein toller Text - ich möchte mir jetzt auch gerne so einen Rock nähen! :)
    Und jetzt gehe ich klettern mit meiner Kollegin, die sich zum Glück ebenfalls über die Beurteilenden hinwegsetzt. Wenn sie nämlich auf die hören würde, könnte sie nicht klettern. Das Hummel-Prinzip, sozusagen. ;)
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. hahaha! erinnert mich an meine kletterversuche im sportunterricht. da fiel dem lehrer auch die kinnlade runter. totale sportniete, aber klettern konnte ich. man muss die dinge machen.
      und danke für das kompliment. der rock ist pipifax zu nähen. das bekommst du hin.
      liebe grüße,
      jule*

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  9. *yay*
    cooler rock - cooler text - cooler aufnäher.
    alles sehr cool.
    und ja: röcke für jede_n der_die will! und zwar so kurz wie er_sie will!
    rock´n´roll!
    liebe grüße lisa*

    p.s.: kleiner auszug aus einem lied von mir - aber eh wahrscheinlich altbekannter feministischer slogan - aber wie gut er wieder passt:
    "stop comenting on my body - i'm not here for your entertainment!"
    (& ich glaube, davon gibts auch n trouble x patch)

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    1. dankedanke! ja, das zitat kenne ich auch. sehr schön.
      liebe grüße,
      jule*

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