Dienstag, 25. Oktober 2016

Kinderklamotten und Patriarchat


 Ich habe Kinderklamotten genäht. Schon wieder. Resteverwertung. Ich habe mich auch mal an diese rosapinken Sweatreste getraut. Es soll heute nicht um geschlechtskonstruktivistische Farbwahl gehen, oder das pink eigentlich eine Jungsfarbe, weil das kleine Rot ist. Heute soll es um patriarchischen Kackscheiß gehen. Denn daran musste ich denken, als ich die letzten Mal für die Kleinen nähte.


 In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es einen Haufen kleine Kinder, Schwangere. Die meisten Elternpaare in diesen Kreisen sind Heteropaare. Für die folgenden Gedankengänge ist das mal eben kurz wichtig. Aus Sicht des Patriarchats laufen da einige Dinge ziemlich schräg. Die Frauen verdienen in ihrem Job oftmals mehr als ihre Männer, die Männer gehen in Elternzeit. 


 Die Sache mit der Elternzeit für Väter ist eine Sache, die sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt hat. Immer mehr Väter nehmen Elternzeit. Doch auch hier beobachte ich, dass Männer dafür immer noch komisch angeschaut werden. Was allerdings wirklich erschreckend ist, sind die Äußerungen, die mir zu Ohren kommen, wenn es um den unterschiedlichen Verdienst von (zukünftigen) Vätern und Müttern geht. Man könnte meinen, ich bewege mich in klugen, aufgeklärten, denkenden Kreisen. Doch weit gefehlt. Wehe, der Mann verdient weniger. Erschreckenderweise werden Männer dafür angegangen, dass sie ja nicht in der Lage seien die Familie zu ernähren, Ihnen wird gar nahe gelegt, sich um einen "anständigen Job" zu kümmern.


  Diese Äußerungen zeigen doch deutlich auf, wo es hakt: Entweder verdienen Frauen zu viel oder Männer sind zu faul/verweichlicht/nicht bissig genug, um mehr zu verdienen als ihre Frauen. Heißt auch: Frau hat wenig zu verdienen, Mann muss immer mehr als Frau verdienen. Egal ob gleiche oder unterschiedliche Qualifikationen/gewähltes Berufsfeld.... Kackpatriarchat.



 Dabei durfte ich dann auch schon erleben, dass es bei eigentlich durchaus emanzipierten Männern begann zu knabbern. Am Selbstwertgefühl. Vor allem bei (werdenden) Vätern. Und Frauen fühlen sich vollkommen ungerechtfertigt überbezahlt. Bekanntermaßen wurde mir auch schon gesagt, ich würde zu viel verdienen. Frauen können Frauen fertig machen. Unter Männern scheint das genau so gut zu funktionieren. Als ob man nicht einfach mal so freundlich und friedlich zusammenleben könnte. Und während ich Klamotten für all die Kinder nähe, deren Mütter zuviel und Väter zu wenig verdienen, geht mir immer wieder durch den Kopf, wie sehr ich das hasse und wie hilflos ich dabei bin und das eigentlich das auch einer der drölfzillionen Gründe dafür ist, warum ich mich nicht in das Reproduktionskarrussell werfen werde. Das ist mir doch zu doof. Das Patriarchat.


 Und was für eine Welt soll das sein, in der diese Kinder groß werden? Egal wie emanzipiert ihre Eltern sind. Wenn die Dummen losgelassen, gibt es keinen Ort, an den man flüchten kann. Für mich sind Äußerungen übrigens ein ganz klarer Grund bestimmte Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis auszusieben. Irgendwo ist auch meine Toleranzschwelle überschritten. Patriarchat ist so eine Vorstufe zum Faschismus. Da sollen die Frauen auch gebären und die Männer ernähren. Und sowas geht mir durch den Kopf, während ich Stoffreste zu kleiner Kleidung verarbeite. Von wegen "Hinter der Nähmaschine werde ich zum Handarbeitsweibchen". Das musste einfach mal eben raus. Und der nächste Patriarch wird geboxt. Vom Känguru habe ich gelernt: Triffst du einen Nazi, dann boxe ihn. Und liebe Eltern in meinem Freundeskreis: Bleibt so und lasst euch nichts einreden. Im Zweifelsfall boxt mit. Und trotz allem: Rüber in die Dienstagssammlung. Die kleine Kleidung ging teilweise raus in den Freundeskreis und teilweise an meine Familie. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich denke, dass Kinder von vermeintlich schlecht verdienenden Männern nichts anzuziehen haben. Das ist lediglich für die Buntness. Mir doch egal wie viel wer verdient.

Kommentare:

  1. Danke für den Post. Ich kann dich so gut verstehen. Zwar sind in meinem Freundeskreis noch ziemlich wenige Kinder unterwegs/vorhanden, aber trotzdem sind mir solche Gedanken auch schon zu Hauf begegnet. "Stört es dich nicht, dass dein Lieblingsmensch studiumsbedingt nicht das Geld hat, dich einzuladen?" heißt es da ab und an in mehr oder weniger verklausulierter Form. Oder "So als große Frau ist es doch sicher schwierig, Männer zu finden, die noch größer sind, oder?" Körpergröße als Kapital ist ja auch total wichtig.
    Ich zucke bei beiden Fragen die Schultern und weise darauf hin, dass ich dankenswerterweise sowohl genügend Geld verdiene, um im Zweifel ihn zum Essen einzuladen, wenn ich denn essen gehen möchte, als auch ganz andere Ansprüche an mein Gegenüber habe, als derartigen Käse.
    Beim Lesen in Blogs der Dienstagssammlung habe ich heute Morgen auch schon intensiv über "Mädchenstoffe" und "Männerstoffe" nachgedacht und über Jungsklamotten für Freunde, die man an den anwesenden Mädchen ja nicht fotografieren könne und dabei den ersten Seufzer des Tages ausgestoßen. Schön, dass du die Welt und die kleinen Menschen darin bunter machst! Schön, dass es Menschen wie dich gibt, die patriarchale Scheiße nicht einfach hinnehmen!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. argh! ja, das mit der körpergröße kenne ich auch. tz! bei mir gibt es gar keine männer- oder frauenstoffe. mit pink habe ich mich erst vor kurzem wieder ausgesöhnt... aber was die menschen da immer reininterpretieren.... jaja. aber du: weitermachen! genau so!
      liebst,
      jule*

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    2. Der Sohn einer Freundin ist im Kindergartenalter. Er sagt, pink und lila seien seine Lieblingsfarben - einmal saß er auf meinen Knien und hätte sich vor Begeisterung fast auf meine Füße geschmissen, weil ich lila Nagellack an den Zehen hatte.
      Kürzlich wollte er morgens seinen Lieblingspulli nicht in den Kindergarten anziehen, weil die Kinder dort ihn ausgelacht hätten. Weil: wer pink trägt, ist ein Mädchen.Das hat mich so traurig und wütend gemacht. Nicht nur, dass ich es zum Kotzen finde, dass "mädchenhaft" ein Grund zum Auslachen ist, sondern auch, weil dieser kleine, kluge, tolle Mensch nicht einfach so sein kann, wie er mag - disneygrinsekatzenfarbig.
      Fiel mir vorhin wieder ein - offensichtlich hat dein Post da einen wunden Punkt getroffen.

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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    3. ouh man... mein neffe trägt seinen pinken pademantel stolz wie ein könig... hoffentlich behält er sich dieses selbstbewusstsein...

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  2. Diese Geldverdiengeschichte ist echt ein heißes Eisen. Verrückt, dass man sich darüber heute noch so den Kopf zerbrechen kann. Werdenden oder frischen Eltern wird es mit der Elternzeit aber auch nicht gerade leicht gemacht, sich um ihre Kinder zu kümmern... Alles nicht so einfach.

    Aber die Miniklamotten, die du gezaubert hast, die sind einfach super! Die Farbwahl finde ich richtig toll, so kommt der Regenbogen ins Kinderzimmer! <3

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    1. boah, ich hab neulich solche horrorstories gehört, wie lange es dauert, bis elterngeld gezahlt wird und wieviele amtsgänge man da sonst so machen muss... heidewitzka! da hat man wirklich noch nen haufen anderer probleme dazu.
      danke für das kompliment!
      liebe grüße,
      jule*

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    2. Kommt vermutlich auf die unterschiedlichen Behörden in den Bundesländern an. Ich fand es bei uns gar nicht so schlimm. Den Antrag haben wir vor den Geburten vorbereitet und dann nur noch den Rest ausgefüllt. Und es kommt sicher auf den Beruf an - Selbstständige müssen mehr abgeben, bzw.im Nachhinein noch einreichen. Das ist wirklich aufwendiger, aber mit dem Lohn zT ja auch nicht so klar abzuschätzen.

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  3. Ich frage mich grad, ob das so ein Ost/ West-Ding ist, weil ich solche Sachen in meinem Umfeld nicht höre und Eltergeldanträge recht fix innerhalb von 6 Wochen bearbeitet werden. Dafür fühlen sich meine Freundinnen, die länger als 12 Monate zu Hause bleiben schlecht. Doch andere Sozialisation?

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    1. vielleicht. aber 6 wochen ohne kohle ist auch schon ziemlich lang, oder? und ich glaube auch im westen fühlen sich die frauen schlecht, wenn sie mehr als 12 monate zuhause bleiben...
      liebe grüße,
      jule*

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    2. 6 Wochen nach der Geburt gib es Mutterschaftsgeld über die Krankenkasse. Wenn man darauf keinen Anspruch hat, dann gibt es ab Geburt Elterngeld.
      In den östlichen Bundesländern sind Krippenplätze auch relativ gut ausgebaut. Da kann man, wenn man will, auch schnell wieder arbeiten gehen. Ich wünsche mir da oft, dass mehr Leute laut sagen, warum sie länger als ein Jahr zu Hause bleiben und warum ihnen das wichtig ist. Ich hatte da eher das Gefühl schief angeschaut zu werden weil ich 2 Jahre zu Hause bleiben wollte. Das finde ich echt komisch. Für Kinder sollte es das natürlichste sein, zu Hause bleiben zu dürfen. Das das nicht immer möglich ist, ist mir klar. Da müssen Bedürfnisse abgewogen werden. Aber die Länge so sehr vom Elterngeld abhängig zu machen finde ich krass

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  4. Ach, Frau Jule, wie schön, dass es Menschen wie dich gibt!
    (Da bin ich nicht so allein, wenn ich mir mal wieder mit der flachen Hand an die Stirn schlagen muss... ;) )
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. danke! vielleicht sollten wir uns mal den handschlag des assozialen netzwerkes zur begrüßung angewöhnen ;)
      liebst,
      jule*

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    2. Ouh, ja! Das wird dann unsere offizielle Gang-Begrüßung, passend zu den Kutten. :o)

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  5. Die Farben sind für alle da! Mein Sohn liebt lila... wenn ich ihn Frage, welche Farbe seine Winterschuhe haben sollen - lila (oder rosa). Tja, das ausgewählte Model gibt es nur in rot, blau und grün. Aber seine lila Jacke liebt er und darf er gerne tragen. Mir doch egal, wenn er für ein Mädchen gehalten wird. Wer sagt denn, das man Kindern das Geschlecht an der Kleidungsfarbe / Frisur / dem Spielzeug ansehen muss? Wem nützt das? Das könnte ich mich immer aufregen. Kleidung kauf ich gebraucht, näh selber und im Geschäft bekomme ich regelm. Wutanfälle, wegen den Farben...
    Und zum finaziellen Thema. Ob mein Mann mehr oder weniger verdient ist mir egal. Ich finde, man muss als Paar / Familie ein Model finden was zu einem passt - wer geht voll arbeiten und wer nicht? Beide teilzeit? Beide voll? Wie läufts mit der Kinderbetreuung, Haushalt usw. Ich finde wichtig, dass man das für sich passende findet. Bei uns ist es recht klassisch, ich geh teilzeit er (mehr als) voll arbeiten (selbstständig). Geht nicht anders und ist so ok. Aber wie gesagt, ich finde es wichtig, dass man das gemeinsam klärt und nicht nach klassischen Rollenbildern sondern den eigenen Bedürfnissen und Rahmenbedingungen.

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    1. genau. es ist nur schwer zu verstehen, warum manche menschen meinen, dass man das so oder so eben nicht zu machen hat und dann dumme sprüche drückt...
      liebe grüße,
      jule*

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