Donnerstag, 21. April 2016

Ich bin nicht Supergirl

 Achtung, der folgende Beitrag enthält Hirn. Wer Denken nicht mag, sollte schnell weiterklicken.


  Ich habe eine neue Entspannungs- und Yogahose. Eine Superwomenhose. Seit im Fernsehen Supergirl läuft, bin ich total hin und weg und habe ein neues Vorbild. Ich liebe diese Serie. Sie hat mich total gefangenen genommen. Vor allem unter feministischen Gesichtspunkten. Mit dieser Hose wird es aber auch Zeit, dass ich mir einmal mehr an die eigene Nase fasse.


 Gerade bei diesem Stoff habe ich das mal wieder erlebt. Ich sah ihn und sofort hatte ich in meinem Kopf wieder dieses "Haben will!". Ich bin ein paar Monate drum herum geschlichen, aber am Ende landete er doch in meinem Stoffbeutel. Er ist nicht bio, er ist nicht fair. Streng genommen brauchte ich diese Hose nicht. Ich habe sie trotzdem genäht.


 Ein passendes Shirt wollte ich dazu auch haben. Brauchte ich aber eigentlich auch nicht. Hier war ich kurz davor, dass Supergirlzeichen auf die andere Seite zu platzieren und mit Stoffmalfarbe "onderpädagogin" zu ergänzen. Das kam mir dann aber doch zu großkotzig vor.


 Aber mal im Ernst: Wieviel heldenmäßiges steckt in mir? Nicht besonders viel finde ich manchmal. Da zweifle ich an mir, wenn der Mülleimer nach einer halben Woche schon wieder voll ist, weil ich zu viel Müll um meine Sachen mitgekauft habe. Da ist das Gewissen, dass sich meldet, weil ich überhaupt schon wieder etwas gekauft habe, obwohl ich mir mal vorgenommen hatte, das nicht zu tun. Gescheitert, auf ganzer Linie. Da mault das Herz, weil ich schon wieder Angst habe, das Essen zu versauen und darum nach Fertignahrung greife (bedingt wohl auch den Müll). Ich kaufe Stoff, der weder bio noch fair ist und nähe Sachen, die ich eigentlich nicht brauche. Ich habe eine viel zu große aber günstige Wohnung in einer sonst teuren Großstadt, die jemand anders, vielleicht viel nötiger hätte...


 Auf der heldenhaften Seite stehen auch ein paar Dinge. Veganes Leben, keine Kaufklamotten mehr, Lebensmittel meistens bio oder/und regional, kein Auto, grüner Strom, jede Demo gegen und für was Brauchbares mitnehmen, wenn ich etwas wirklich brauche, versuche ich es erst gebraucht zu bekommen, Ehrenamt und irgendwie zähle ich meinen Job auch dazu. 


 Und dennoch tappe ich immer wieder in diese Fallen in denen mein Gewissen laut "DAS IST DOCH SCHEISSE!", schreit. Ich kann mich quälen damit. Ich kann was drehen und ich sollte was drehen. Plastikfrei, Low Waste, Bio und fair, mehr Engagement für alles mögliche. Ich weiß, dass ich bei Handarbeiten anfangen sollte. Mein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten. Ich nähe nur noch spärlich für mich selbst. Und auch sonst habe ich eigentlich genug Kram, als dass ich immer noch was dazubasteln muss. Meine Hände müssen aber irgendwas tun. Ich hänge an der Nadel, am Tun. Ich brauche das, um meine Gedanken zu sortieren, um zur Ruhe zu kommen. Das Erfolgserlebnis bei jedem gelungenen, selbstgemachtem Stück ist doch jedes Mal unbeschreiblich. Ich freue mich immer, wenn liebe Menschen mich fragen, ob ich was für sie zaubern kann. Ich werde den Teufel tun und einen Shop aufmachen, aber ich werde endlich mal die Kurve bekommen und bio und/oder faire Stoffe vernähen. Auch für die Lieben, die sich Dinge wünschen. Ebenfalls werde ich weiter alte Stoffe mit Vorgeschichte verarbeiten. Bevor ich neues Material kaufe, sollte ich mal schauen, welches Projekt schon in meiner Wohnung rumliegt und auf Bearbeitung wartet. Oh, ich hoffe so sehr, dass ich das hinbekomme. Auf der anderen Seite weiß ich nämlich auch, dass es sehr anstrengend ist, immer wieder dieses "Haben will!" niederzuringen. Und wenn ich das hinbekomme, dann lerne ich kochen, so dass es auch mir schmeckt. Haha.


 Einer meiner liebsten Buttons ist übrigens dieser hier. Er passt so gut zu all dem. Und es gibt doch noch so viel zu tun. Einfach mal versuchen, ein bisschen weniger Arschloch zu sein. Supergirl hat es in der dieswöchigen Folge ja auch hinbekommen, ohne Superkräfte eine Superheldin zu sein. "Wenn viele kleine Menschen, an vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun...", "Es gibt Dinge, die man tun muss...", "Be the Change...". Aber wehe, man fängt einmal an zu denken. Dann muss man auch irgendwie ertragen, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Soviel dazu. Und nun mache ich Schluss und schiebe dies hier rüber in die Donnerstagssammlung. Allerdings distanziere ich mich hier hartnäckig davon, dass das hier typisch weibliche Selbstzweifel seien. Ich habe genug Männer in meinem Umkreis denen es in Bezug auf eine korrekte Lebensweise GENAU so geht.

Kommentare:

  1. Zuerst einmal: Tolle Hose mit tollem Shirt! :D
    Dann die Versicherung: Ich brauche auch immer was, um meine Hände zu beschäftigen, obwohl mein Kleiderschrank auch sehr gut gefüllt ist. :/
    Zuletzt: Bei den Zeilen, wo du auflistet, was du alles tust und was es noch zu verbessern gilt, kam mir so in den Sinn, dass das fast bilanzierend wirkt - und das man das so eigentlich nicht ausrechnen sollte. Vielleicht hilft es dir bei diesen Stoffkaufmomenten auch daran zu denken, wie oft du in letzter Zeit keinen Stoff gekauft hast? :) (Ich habe für diesen Fall übrigens mal wieder eine Liste. Für was habe ich eigentlich keine Liste? ^^)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. schöne blickrichtung das mit der bilanzierung. listen habe ich auch mal geführt. aber die stressen mich zu sehr. das werkeln soll aus mir kommen und nicht abgehakt werden... zumindest ist das mein empfinden für mich.
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  2. Liebe Jule,
    Ich hab mein Hirn angeschmissen und sehr gerne über deinen Beitrag nachgedacht.
    So hab ich mir gleich einmal die Frage gestellt, warum du Heldenhaftigkeit mit einer bestimmten Lebensweise gleichstellst. Findest du denn, dass du nur dann eine Heldin sein kannst, wenn du absolut nach deinen Idealen lebst?? Also ich finde das nicht.
    Ist dir denn aufgefallen, dass die meisten Punkte, die du bei deinen Pros und Contras aufgezählt hast, materieller Natur sind? Das ist doch absolut nicht Frau Jule-typisch, oder?
    Ich muss dir leider auch sagen, dass du bei deiner Aufzählung einen wichtigen Punkt vergessen hast, einen der essentiell für die Charakterfärbung einer Heldin/ eines Helden ist: ein riesengroßes Herz ♥
    Meinst du Heldenhaftigkeit käme ohne ein großes Herz aus? Nie im Leben. Da kann man noch so viel vegane Würstchen braten oder Bioschuhe ausführen, wenn das Herz nicht am rechten Fleck sitzt und man hinter seinen Idealen die Mitmenschen und seine Umgebung nicht mehr sieht, ist das nix wert.
    Jetzt kenn ich dich nur durch deinen Blog, also praktisch gar nicht, trotzdem fallen mir etliche Menschen ein, für die du eine absolute Heldin bist. Und zwar nicht weil du Tofuwürstchen isst und vegane Wolle verstrickst, sondern weil du für sie da bist und dich für sie stark machst. Mir fallen da sofort deine Neffen ein: du hast ihnen die Pippi aufs Hemd genäht und heut siehst du dich selbst als Annika. Warum denn nur?
    Du bist eine 1A-Pippi für deine Neffen, den Herrn Fussel, für das Mädchen mit der geilen Jacke, für die Discogänger, für deine Lernenden und noch viele viele andere. Vergiss das nicht wenn du mal wieder zweifelst und zieh dir dann sofort den Supergirlanzug an!!!
    Der ist perfekt... nur die Socken runden das outfit leider nicht ab. Da hätten die vom Süßminister besser gepasst : )
    Ich weiß auch, dass diese Zweifel vor Männern nicht halt machen. Habe selbst so ein liebenswertes Exemplar zu Hause : )
    In diesem Sinne "wir sind Helden"
    Alles Liebe,
    Angela
    Die diesen Monsterkommentar vorher auf Papier schreiben musste um nix zu verbuxeln...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ach, du gute angela,
      ich danke dir! ich hatte beim lesen fast glatt ein tränchen in den augen. du hast wohl recht. allerdings sind die materiellen dinge genau die, die mich einfach am allermeisten stören und so viel in der welt kaputt machen. dreckskapitalismus. du hast in vielen punkten sicherlich recht. ich bin mir all dieser dinge bewusst. aber an meiner kapitalistischen seite muss und möchte ich eben noch gerne schrauben. ich bin jetzt noch ein bisschen gerührt, wegen deines kommentars. hach... schön :)
      liebst,
      jule*

      Löschen
  3. Ha, wir beiden mal wieder: Genau die gleichen Gedanken hatte ich in den letzten Tagen auch (Blogeintrag ist schon vorbereitet ;) )!
    Ich glaube, es ist schon viel wert, dass wir uns überhaupt Gedanken um soetwas machen. Aus den Gedanken werden Taten, auch wenn es nur kleine sind. Die sind der Anfang.
    Und ich bin ja nach wie vor davon überzeugt: Vorbild sein lohnt sich!
    Liebe Grüße
    Antje

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ich denke nur manchmal, dass es genug menschen gibt, die diese gedanken schrappen und sie doch nicht umsetzen. solche leute nerven mich immer und so will ich nicht sein. komm wir fassen uns an den händen und stellen uns gemeinsam der herausforderung. (falls das zu deinen gedanken passt).
      liebst,
      jule*

      Löschen
  4. Wie hat es der gute alte Theodor so schön auf den Punkt gebracht: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Und deshalb werden wir wohl nie komplett allen unseren Ansprüchen gerecht werden können, was nicht heißt, dass es nicht richtig es, es trotzdem zu versuchen. Aber wir leben im reinsten Kapitalismus, müssen uns irgendwie da durchwurschteln, ob wir wollen oder nicht. Vor allem, wenn wir eigentlich nicht wollen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wütend ich über Nachrichten aus der Welt sein kann, wenn mal wieder Flüchtlinge abgesoffen sind und Deutschland auf Platz Fünf der Rüstungsimporteure/Kriegsprofiteure steht. Und dann habe ich ein paar Minuten später wieder das totale Bedürfnis nach Eskapismus. Aber sonst wäre es nicht auszuhalten. Und so sehe ich es mit dem Konsumverhalten ebenfalls. Ständig wird mein Konsum angeregt (Werbung, Überfluss) & angekurbelt (z.B. auch durch mangelnde Zeit wg. Arbeitsbedingungen) usw. Deshalb ist er nicht richtig, deshalb versuche ich zu reflektieren, aber ich nehme es mir nicht mehr persönlich übel, wenn ich es eben nicht so hinkriege, wie ich sollte. LG mila
    Und jetzt wollte ich den Kommentar schon abschicken, OHNE einen Satz zu dem wunderbaren Superwoman-T-Shirt zu schreiben: Ergäne unbedingt das onderpädagogin... Das ist schön schräg-wunderbar.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. eskapismus. richtig. das ist der grund fürs handgewerkele.
      danke für deinen kommentar. da muss ich wohl noch ein shirt nähen. auf dem vorhandenen sitzt das supergirlzeichen ja links auf dem herz. da passt kein "onderpädagogin" mehr hin.
      liebst,
      jule*

      Löschen