Mittwoch, 27. Januar 2016

Am Tisch


 Von Zeit zu Zeit komme ich mit Menschen, die ich sonst nicht so oft zu Gesicht bekomme an Tischen zusammen. Man quatscht, über dieses und jenes. Je nachdem wie nahe man sich steht, desto tiefer geht es vielleicht. Vor allem bei Menschen mit denen ich mich nicht so oft treffe, die evtl. in meinem Alter oder etwas darüber sind, drehen sich die Gespräche früher oder später um Erwachsenenthemen: Hochzeitspläne, Kinder, Hauskauf/-bau/-renovierung, neue Jobs, Aufstiegschancen, Gehaltserhöhungen, Familienurlaube, neue Autos.... Die meisten Menschen haben zu diesen Themen viel zu erzählen. Ich sitze dann im Kreis in dem ein regelrechter Schlagabtausch, Austausch von Meinungen, Erfahrungen und guten Tipps von statten geht. Meistens sitze ich daneben. Höre still zu, staune. Egal in welchen Kreisen man sich da nach langer Zeit wieder trifft: Meist sind es ähnliche Aussagen.


 Ich bleibe wie gesagt bei solchen Themen meistens still, was eigentlich nur so bedingt mein Stil ist. Ich rede gerne mit. Aber bei diesen Themen habe ich nichts mitzureden. Ich plane keinen Hauskauf, keine Hochzeit, bekanntermaßen auch keine Kinder. Ich liebe meinen Job, könnte zig wundervolle Schulgeschichten erzählen, habe aber keine Aufstiegsambitionen. Meistens merkt irgendwer, dass ich still daneben sitze, beobachte und mich nicht äußere. Dann fällt die Frage: "Und was gibt es bei dir neues?"


 Was bleibt da noch zu erzählen? Im ersten Vergleich erscheint mein Leben dann total langweilig. Es kann dann in mehrere Richtungen gehen. Ich kann erzählen, von meinen ersten Malen in der vergangenen Zeit: Socken stricken, Ton drehen, Teppiche weben, Siebdrucken. Ich kann erzählen von den Reisen. Die meisten Menschen meinen zu wissen, was in der Schule los ist, von daher brauche ich damit gar nicht anfangen. Ich kann erzählen von den Büchern, die ich verschlungen habe, den Konzerten und Demonstrationen, die ich besucht habe. Es sind viele kleine Dinge. Viele kleine Dinge, die mein Leben für mich zu etwas Gutem machen, zu etwas lebenswertem, befriedigendem. Mich treibt es nicht um, dass ich etwas verpassen würde. Es ist vollkommen in Ordnung so wie es ist. Wenn ich jetzt in diesem Moment tot umfallen würde, wäre ich mit meinem Leben total zufrieden.


 Und doch ist es eher selten das, was ich erzähle. Es ist nicht das große, was man sich im Leben zu erfüllen hat. Laut entwicklungspsychologischer Statistik liege ich mit meinem Lebensentwurf total daneben. Neben dem der Mehrheit. Ich hatte schon immer eher den Drang die Dinge so zu machen, wie es die anderen nicht tun. Immer dann wenn ich mit Menschen über das Leben rede, kommt das stark zur Geltung. Ich habe auch keinerlei Ambitionen mich mit Dingen wie Kinder kriegen oder heiraten auseinander zu setzen. Das steht in meinem Leben nicht zur Debatte. Es sind Dinge, die ich nicht möchte oder brauche. Vor allem über das Kinderkriegen habe ich mich hier schonmal ausgelassen. Früher hat mich das oft deprimiert, man will ja irgendwie dazugehören. Auch heute noch ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich seufze, wenn die nächste Hochzeitseinladung, Hauseinweihung oder Babyankündigung in mein Leben flattert. Aber grundsätzlich ist es mittlerweile okay. Ich fühle mich nicht mehr anders als die anderen, sondern höchstens noch, dass die anderen anders als ich sind. Es hat ein bisschen gedauert. Freundschaften sind darüber auseinandergegangen, Menschen auf der Strecke geblieben. Vielleicht habe ich auch den ein oder anderen Menschen damit enttäuscht. Manchmal bin auch ich enttäuscht, weil keiner mehr mitkommt dahin, wo ich lebe. Auf Konzerten, Demonstrationen, in der Subkultur.


 Am Tisch bleibe ich dennoch meistens still. Immer noch. Ich staune, führe im Geiste Sozialstudien. Ich mag diese Menschen, die mit diesen Lebensentwürfen noch übrig geblieben sind. Irgendeine Verbindung gibt es noch, sonst würde ich nicht mit ihnen am Tisch sitzen. Darum gibt es auch keine Äußerungen wie in dem Song von KETTCAR "Am Tisch", auch wenn dieser Song oft verdammt nah dran ist. Wir sehen uns aber auch nicht besonders häufig. Doch mein Leben ist nicht so langweilig, wie es anmuten mag. Auch ohne Kind, Ehering und Eigenheim oder ein anderes großes Lebensziel kann man zufrieden leben und es wird nicht langweilig. Schade, dass das so viele nicht wissen. Es hätte sicher einige Freundschaften gerettet. Und sicherlich wird es hier hin und wieder mal den ein oder anderen weiteren Beitrag zum Thema geben.

Kommentare:

  1. Liebe Jule, ich weiß ja nicht wie alt oder jung Du bist. Gehe ich davon aus das in Deinem Bekanntenkreis gerade so geheiratet wird, Nestbau und Aufzucht ein Thema sind, schätze ich so um die 30.Dann kann ich Dich trösten diese Einladungen lassen nach, wenn diese Phase vorüber ist. Dann kommen wieder die "alten" Interessen durch die euch mal zusammengeführt haben, oder neue Gemeinsamkeiten, es wird auch Momente geben wo Du beneidet wirst, das geht dann solange bis die ersten Enkel kommen, dann driftet das wieder in eine andere Richtung. Also das Leben ist bunt, Du weißt das und ja es gibt noch viel mehr Kleinigkeiten im Leben als die 3 großen Themen: Ehe,Kinder,Haus. Denk dran, an endlose nächtliche Diskussionen, wo diese 3 Dinge zum Spießerleben gehörten!
    ;-)LG Petra

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    1. ich bin gespannt auf die zwischenzeit.
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Das kann ich dir total nachempfinden. Ich habe auch schon solche Erfahrungen gemacht, wo ich mich gefragt habe, warum sitz ich an diesem Tisch? Bei einer Freundin war das, wir kennen uns seit der Schulzeit. Eigentlich ist sie Diplompädagogin und arbeitet den ganzen lieben langen Tag mit Kindern.
    Für meine kann sie nicht das geringste Interesse aufbringen, sie kann nicht ansatzweise schätzen wie alt sie sind. Für mich ist das auf eine Weise okay, denn sie ist ja meine Freundin und nicht die der Kinder. Allerdings hab ich ihr klar gemacht, dass ich (vor allem für unseren Sohn) keinerlei Erziehungsratschläge oder ähnliches wünsche.
    Auf der anderen Seite hab ich öfter das Gefühl, dass mir vorgehalten wird, dass ich noch nicht wieder arbeite, schließlich sind die kinder ja in Schule und Kindergarten. Aber dass die Erziehung und Betreuung eines geistig behinderten Autisten mit der Schichtarbeit des Papas und dem ganzen 'sonstigen' Alltag nur schwer unter einen Hut zu kriegen ist, versteht fast keiner.
    Mein Wunsch wäre es schon auch, ein paar Stunden zu arbeiten, aber halt dann, wenn die Kraft dafür reicht.
    Das kann keiner nachempfinden.
    Solange leiste ich ehrenamtliche Arbeit, da werd ich gebraucht, und mir tuts gut.
    Bleib immer schön du selbst, so bist du richtig. Auch wenn man sich in manchen Kreisen wie ein Außenseiter vorkommt, oder auch ist ( ich kann ein Lied davon singen, ich bin auch schon immer anders gewesen als andere).
    Am Ende vom Tag musst du nur mit dir selbst im Reinen sein, mit sonst keinem.
    Liebe Grüße, Angela

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    1. buh, nee, erziehungsratschläge gebe ich nur auf ausdrücklichen wunsch. wobei ich sagen muss, dass die meisten kinder, die da so rangezogen werden auch total großartig sind. da haue ich nur hin und wieder mal einen begeisterungssturm raus. mal sehen wie sich das so entwickelt, wenn sie in die pubertät kommen. das ist nämlich mein spezialgebiet ;)
      das mit deinem sohn vs. arbeit kann ich total verstehen. ich kenne die umstände, unter denen man eltern von spezialkindern sein muss...
      liebe grüße,
      jule*

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  3. Hey, der Text gefällt mir.

    Und beschreibt eigentlich auch ganz gut was ich/wir uns so anhören müssen an den Tischen dieser Welt, während sich die Kids die Köpfe einschlagen wenn es ihnen zu langweilig wird mit den labernden Erwachsenen ... und dann ziehe ich mich mit den Kids zurück und entdecke die Welt und baue die höchsten Türme von janz Berlin, singe, tanze und mache quatsch und erfreue mich am Kinderlachen als das ich damit prahle, wo ich denn als nächstes hinfahre und welches Auto ich häßlich finde. Die, die gern labern und sich die Taschen voll hauen haben dann ihre Ruhe vor den Kids und wissen diese in guten Händen. Und ich habe auch meine Ruhe vor dem Gelaber. Ein guter Deal!

    Wie Du siehst ... auch mit Kids und verheiratet kann man sich immer noch genug selbst ausgrenzen. Und ich finde es weit anspruchsvoller einen Pullover stricken als Ziel zu haben als ein Haus bauen zu lassen!

    Liebe Grüße nach HH!

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    1. haha, sowas ähnliches habe ich auch noch auf dem zettel. aber nicht alles in einen artikel ;) wir verstehen uns. wir sollten demnächst auch mal wieder zusammen ein bisschen kind sein. ich freue mich schon darauf ;) und ganz bald muss ich dir voll erwachsen mal wieder eine anständige mail schreiben.
      liebst,
      jule*

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  4. Kann deine Gedenken echt gut nachvollziehen. Ich bin zwar verheiratet (hatte aber eher "absicherungstechnische" als emotionale Gründe) und will auch irgendwann Kinder haben, aber diese ständige Erwartungshaltung von allen Seiten kotzt mich an. Als ob die Leute eine Checkliste abhaken. Hochzeit: check. Kind: check. Hauskauf: folgt zwangsläufig und zeitnah als nächstes.
    Was ist denn jetzt mit Kindern, ihr seid ja schon verheiratet! Ja, aber das verpflichtet uns nicht innerhalb von 2,3 Jahren ein Kind zu zeugen.
    Und habt ihr euch schon mal überlegt ein Haus zu kaufen? Ja, haben wir, aber das Ergebnis zu dem wir gekommen sind, geht eigentlich auch keine Sau was an. Wir wollen nicht - zu mindest jetzt gerade.
    Ich lebe vermutlich wesentlich konventioneller als du es tust, aber auch mich kotzen diese Checklisten-Lebensplanungen an.

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    1. konventionelles leben? ein schöner ausdruck. den übernehme ich so ;)
      liebe grüße,
      jule*

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  5. Ich finde, du hast gar keinen grund, still zu bleiben. die ganzen sachen, die du aufgezählt hast - töpfern, stricken, demos, konzerten, schulgeschichten - sind doch alle absolut der rede wert. langweilig ist das doch ganz und gar nicht. langweilig wäre doch das, was alle anderen auch machen. und vielleicht ist es auch für den oder die eine oder andere erfrischend, mal aus einem leben zu hören, wo nicht alles ist, wie bei einem selbst. auch die einordnung in "kleine dinge" und "große dinge" kann man drehen und wenden. sieh's mal so: stellt man nicht den einzelnen menschen in den vordergrund, ist doch eine demo zu einem thema das viele betrifft, ein viel größeres ding, als ein hauskauf, der nichtmal eine handvoll leute betrifft.
    mach weiter was du willst und lass dir nicht das gefühl geben, es sei weniger der rede wert!

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  6. und dann gibt es noch die, die mit Ehe, Kindern und so nix anfangen können, und sich selber auch immer fragen, wo sind denn all die, die so geblieben sind, wie wir immer bleiben wollten. Und dann trifft man so fantastische Menschen wie dich und erlebt, das es nicht um richtig oder falsch geht, sondern einfach darum, eine großartige Zeit zu verbringen. Also ich freu mich auf ein wildes 2016 mit Socken und Siebdruck.... ich hab auch ne neue bekloppte Idee ;) Liebst Frau Postriot

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  7. ich denke oft: wie könnte unsere Gesellschaft funktionieren ohne Menschen wie Dich? ist doch wunderbar, dass wir (ziemlich frei) wählen können, welches Leben wir leben möchten. Nein, ich möchte meine (lange ersehnten) Kinder nicht missen, aber ich merke auch, wieviel Kraft und Zeit sie kosten, die für anderes dann eben nicht mehr zur Verfügung steht. und früher stand. und ich bin (ganz eigennützig) dankbar für die kinderlose Patentante, die Kinder sehr liebt. das ist eine direkte Verbindung, aber wer wie Du über seine Arbeit und über sein Leben insgesamt dazu beiträgt, die Welt zu einem lebenswerten Ort zu machen, der muss sich nicht erzählen lassen (oder fühlen), das sei weniger Wert als Ehe, Kinder, Eigenheim...
    Danke an dieser Stelle für Deine schönen Blogeinträge, die mir schon manch nette Stunde am Abend beschert haben. Hättest Du dafür Zeit, wenn Du grad Dein Eigenheim bauen müsstest? :-)
    LG von Tina

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