Donnerstag, 6. April 2017

Politisiert euch! #2: Mit Nadel und Faden


 Gestern habe ich schonmal einen kleinen Aufruf zu einer kleinen Aktion gestartet. Ich war ein bisschen überwältigt von euren Rückmeldungen. Danke dafür! Doch ein Beitrag reicht dafür einfach nicht. Darum gibt es heute den quasi zweiten Teil von "Warum Handarbeitsblogs politisch sind und sein sollten, auch wenn viele etwas anderes behaupten".


 Ich schaue mal so auf meine Klickzahlen. Das sind so rund 400 Klicks pro Tag, manchmal mehr, die auf meinem Blog getätigt werden. Es braucht jetzt keine Mutmaßungen, ob das viel oder wenig ist. Es soll darum gehen, dass hier 400 Klicks von Menschen getan werden, die irgendetwas hierher verschlagen hat, die irgendetwas spannend finden. Vielleicht hat sich auch nur jemand verklickt, aber das ist ja erstmal egal. Ich erreiche mit meinem Blog Menschen und diese Menschen machen sich ein Bild von mir und von dem, für was ich stehe. Ich sehe darin auch eine Chance, Menschen Dinge zu vermitteln, auf die sie vielleicht so nicht gestoßen wären. Vermutlich ist das so eine Lehrendenkrankheit oder so. Ich entscheide mit jedem Blogpost, ob ich als Nähmuddi betrachtet werden möchte oder als denkender Mensch. Und mal im ernst: Nähmuddi klingt irgendwie ein wenig nach Heimchen am Herd, oder? Und irgendwie auch so Hirnfrei.... Als ob es in meinem Leben nicht mehr Dinge gäbe, die Bedeutung haben, die es wert sind benannt und bewegt zu werden. Mein Leben hat andere und vor allem mehr Inhalte und da sehe ich die Chancen des Blogs. Auch auf politischer Seite. Dramatisch wird es da, wo der politische Hintergrund an meinem Tun als etwas abgetan wird, was trist und gruselig ist, aus dem Privatleben rausgehalten werden muss. Dramatisch wird der Vergleich da, wo Bloggende in anderen Ländern für ihre Blogtätigkeiten eingesperrt, gequält oder gar getötet werden. Astrid hat da beispielsweise diese aufrüttelnde Serie auf ihrem Blog. Zu lesen hier. Wie kann ich da meinen Blog nur zum zeigen von Handarbeit, Schnitten und Stoffen nutzen? Da könnte ich nicht mehr ruhig schlafen.


   Und was ist mit dem politischen Tun und Engagement, jenseits der Nadeln? Vor knapp zwei Jahren kamen ein Haufen Schutzsuchender nach Deutschland. Damals war die Solidarität riesiggroß. Aktionen wie Blogger für Flüchtlinge und Co. schossen aus dem Boden, Spendenaufrufe, Kleiderkammern, Nähen für und mit Schutzsuchenden, selbstgestaltete Freizeitangebote und Engagement waren riesig. Auch auf Handarbeitsblogs konnte man viel dazu lesen. Und jetzt? Vorbei? Wo sind die lauten Stimmen von damals? Ich weiß, dass es noch Menschen gibt, die auch Handarbeitsblogs betreiben, die still und leise weiter dort aktiv sind. Schade, dass es still und leise passiert. Es erweckt den Eindruck, als hätte man sich darauf besonnen, dass Altruismus eigentlich still und leise vollzogen wird. Vermutlich auch so ein typisch weibliches* "Problem". Auf der anderen Seite bekam die dunkle Seite mit der Ankunft der Schutzsuchenden ordentlich Antrieb und ist heute gefühlt lauter, als in den letzten 20 Jahren. Und die damals (und vielleicht auch noch heute Engagierten) sind still. Das ist doch doof, oder? Das Widerliche ist sichtbar, wohingegen das Schöne still weitermacht, weil man sich ja für so etwas nicht selbst einen Orden umhängen möchte.


 Ich möchte auch nochmal auf das Thema Pussy Hats zu sprechen kommen. Bereits gestern zeigte ich mich geschockt, als auf den ersten Blogs Pussy Hats auftauchten, aber die politische Bedeutung dieser Mütze abgesprochen wurde, da man ja keinen politischen Blog betreibe. Die Pussy Hat als starkes, sichtbares Symbol für eine Meinung und Bewegung wurde zum Modeaccesoire degradiert. Wie traurig. Dabei funktioniert Democoture auch im Alltag ganz fantastisch. Politische Positionen transportieren ohne Reden zu müssen. Menschen zum Denken anregen. Es muss ja nicht immer direkte Kritik sein. Ein Anstubser genügt ja auch manchmal und ist vielleicht auch hilfreicher, als ständiges Fingerwedeln.  Natürlich kann man mit Handarbeit auch eine Menge mehr politische Inhalte Verknüpfen, als nur selbst gemacht, Kritik von Mode-, Material- und Körperindustrie, Nachhaltigkeit, soziales Engagement... Man kann auch Dinge produzieren, die politische Meinungen transportieren. Irgendwie bin ich so zum Handarbeiten gekommen. Transparente und Ordnungsbinden für Demos herstellen, Flugblätter mit Illustrationen entwerfen, Aufnäher drucken oder sticken. Hilft auch. Ich habe das mal am Beispiel Feminismus illustriert. Ich mache mir meine Democoture selbst und trage sie auf der Straße. Hier verstaubt nichts im Kleiderschrank. Meine Pussy Hat, meine Fahne, mein Aufnäher, mein Anstecker von mir für mich und irgendwie für viele andere auch. Passend zum Rums.


 Mein selbstgestickter Aufnäher von vor zwei Wochen hat mittlerweile auch schon seinen Platz auf meiner Jacke gefunden. Auf der besten Position, die sich ein Aufnäher wünschen kann. Menschen können lesen und starren, ohne mir das Gefühl zu vermitteln, angestarrt zu werden. Bisher bin ich für den Begriff des "Gutmenschen" noch nicht angepöbelt worden. Die Fahne allerdings kommt wirklich nur zu Demos mit. Und wegen "Gutmenschen aller Länder vereinigt euch!" heute nochmal der Aufruf, bzw. mein Wunsch:

Schnappt euch ein Handarbeitsprojekt und sucht darin das Politische. Blogt darüber. Vielleicht ein paar Inspirationsfragen:

 - Warum ist es politisch, mit den Händen etwas selbst zu tun?
 - Warum ist es politisch, Kleidung selbst zu nähen?
 - Warum ist es politisch, ein bestimmtes Material zu nutzen?
 - Warum ist es politisch, sich selbst in der selbstgemachten Kleidung zu fotografieren und öffentlich auf dem Blog zu zeigen?
 - Warum ist es politisch, etwas selbst zu machen, statt es zu kaufen?
 - Warum ist es politisch, sich zum Handarbeiten mit anderen zusammenzutun?
 Vielleicht mögt ihr aber auch ganz losgelöst davon Gedanken teilen, die euch beim Handarbeiten zum Weltgeschehen durch den Kopf gehen. Positioniert euch! Diskutiert! Inspiriert euch! Steht zusammen! Sorgt dafür, dass Handarbeiten nicht zu so einem Quatsch ohne Hirn verkommt! Sorgt dafür, dass die Welt eine bunte, vielfältige bleibt. Ich würde diese Beiträge gerne sammeln und am Ende des Monats vorstellen. Vielleicht schieße ich mir damit ins Knie, weil niemand oder zu viele mitmachen. Hinterlasst bis zum 30. 04. 2017 einen Link mit eurem Projekt und euren Gedanken unter diesem oder dem gestrigen Blogpost hier. Ich werde am Ende des Monats eine Sammlung online stellen. Eine klassische Linksammlung würde ich mir da gerne sparen. In skandinavischen Handarbeitsblogs geht das auch ohne und es ist ganz wundervoll zu sehen, wie viel Mühe sich da gegeben wird. Das hier wird ein Experiment. Wenn es klappt, könnnte ich mir vorstellen, etwas in dem Stil einmal monatlich anzubieten. Ausschlusskriterium ist defnitiv irgendein Nazimist. 
 Da ich weiß, dass hier Menschen mitlesen, die es vielleicht in den Fingern juckt, die aber keinen eigenen Blog haben, würde ich unter bestimmten Umständen auch Platz für Gastbloggende machen. Schreibt mich einfach an.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Frau Jule,
    vielen Dank für die Posts. Ich habe viel darüber nachgedacht und noch mal versucht, meine Gedanken zu ordnen. Für mich gehört meine Einstellung genauso zu mir wie meine Shirts. Beides hat seinen Platz. Und keiner muß ja lesen, was ich schreibe.
    Bitte bleib dran: an deinen Beobachtungen, den schönen Bildern, den Anregungen und den super-schönen Regenbogenstoffen.
    Danke Katrin

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    1. dankedanke! ich sehe, du bringst die einstellung zu deinen shirts auch auf deinem blog zum ausdruck. wunderbar!
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Eigentlich sehe ich das mit der gesellschaftlichen Verantwortung auch so, bin aber nach nun bald zehn Jahren als Bloggerin etwas skeptischer geworden, was einen vernünftigen politischen Diskurs online angeht. Nach meiner Erfahrung ist es im Netz sehr schwer, Zwischentöne und Ambivalenzen durchzuhalten. Es gibt so "Triggerthemen", da springt sofort jemand aus dem Kasten. Wenn ich über Dinge schreibe, die irgendwie feministisch besetzt sind (z.B. die Farbe Pink, die Schürze, das miese Image der Hausfrau und der Handarbeiten usw) dann muss ich beim Schreiben einen furchtbaren Eiertanz durchhalten, um nicht missverstanden und in eine Ecke gedrängt zu werden. Zusätzlich muss ich aufpassen, dass in den Kommentaren niemand beleidigt wird. Ich kann schon verstehen, dass darauf nicht alle Nerv haben.
    Bei der Flüchtlingshilfe ist es genauso. Ich bin weiterhin jede Woche in dem Nähraum aktiv, den wir 2015 im Flüchtlingsheim aufgebaut haben. Aber meine Erfahrungen dort sind sehr ambivalent, darüber kann ich gar nicht ehrlich berichten, weil das politische Klima so polarisierend ist. Ich habe quasi eine gesellschaftliche Verantwortung NICHT darüber zu schreiben, welche Schwierigkeiten ich sehe, weil zu viele Leser dadurch nur ihre Vorurteile bestätigt sehen würden.
    Dafür rede ich lieber mit Leuten in meinem Umfeld von Angesicht zu Angesicht, das geht besser. Und sticke gerade an einem Label für Pulse of Europe, wo ich jeden Sonntag bin. Soll ich darüber berichten? Oder werde ich dann gleich in eine bürgerlich-neoliberale-Ecke gedrückt, wie ich es auf Twitter gesehen habe? Während meinem ausländerfeindlichen Nachbarn schon meine Europafahne im Blumenkasten ein Dorn im Auge ist? So verrückt ist die Lage gerade.
    Jetzt habe ich so viel geschrieben, dass es schon fast ein Blogpost wäre :) Danke für den Anstoß.

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    1. ja, politisches ist IMMER kontrovers. ein wichtiges erkennungsmerkmal. aber das sollte einen ja nicht abschrecken. und irgendwie macht es das ja auch spannend. ich denke das kann man auch in formulierungen von blogposts hinbekommen, dass man mehrere seiten des themas durchleuchtet.
      und wie ich bereits erwähnte, können ja auch kontroversen in kommentaren spannend werden. die nettiquette muss natürlich gewahrt bleiben. ich denke auch da haben wir ein problem, wo politische diskussion nicht ohne beleidigung von andersdenkenden funktioniert.
      liebe grüße,
      jule*

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  3. Deine Idee find ich grandios.
    Ich hoffe, es versammeln sich viele Posts bei dir die ihre Handgearbeiteten Kunststücke im politischen Licht zeigen.
    Ich habe selbst gerade ein Projekt auf den Nadeln, dass hier bestens hin passt. Vielleicht bekomm ich es bald fertig, wenn nicht, berichte ich trotzdem drüber : )
    Mein Blog zeigt selbst gemachtes und ich schreibe meine eigene Meinung. Überaus politisch war es auf meinem Blog bisher nicht, eher in subtiler Art und Weise. Trotzdem steh ich zu meiner Meinung.
    Wir treffen jeden Tag zig Entscheidungen, die weit reichende Konsequenzen mit sich ziehen. Wer sich dessen bewusst ist, handelt meiner Meinung nach automatisch politisch, denn wir alle wollen, dass entweder das eine, oder das andere die Konsequenz ist. Es ist allein unsere Entscheidung.
    Ich treffe mittlerweile meine Entscheidungen ganz bewusst, was wohl im Endeffekt heißt, dass ich politisch handle. Worauf ich stolz bin.
    Stolz, darüber, dass mir nicht alle oder alles egal ist.
    Stolz darüber, das unserern Kindern mit auf den Weg geben zu können.
    Stolz darauf, nicht alles hinzunehmen, wie es einem ins Gesicht geschmettert wird.
    Du bist übrigens ein hinreißender Regenbogen!
    Allerliebste Wochenendgrüße, Angela

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    1. danke! ich bin gespannt, was dir dazu einfallen wird!
      liebe grüße,
      jule*

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  4. Liebe Frau Jule, ich mache es kurz, Du hast mich zu einem Blogpost inspiriert: http://huegelring.blogspot.de/2017/04/und-jetzt-stell-dir-vor-es-ware-eine.html.
    Vielen Dank dafür! Julia

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    1. cool! jetzt nicht wirklich mit einem handarbeitsprojekt verknüpft, aber ich nehme das mal nicht so eng. dein blog scheint sich ja sonst auch eher mit dem thema nähen zu beschäftigen. danke für deinen beitrag!
      liebe grüße,
      jule*

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  5. Am letzten Mittwoch habe ich deinen Post über den MMM angeklickt und zuerst nur drüber nachgedacht. Aber es lässt mir irgendwie keine Ruhe, deswegen denk ich hier jetzt nochmal lesbar.
    Mein ganzes Leben, mein ganzer Alltag, mein ganzes Alles ist durchdrungen von einer Denkrichtung, die nicht Mainstream ist. Dafür stecke ich in manchem zurück, "opfere Niedrigeres für Höheres" (klingt total pathetisch, ist es überhaupt nicht, mir fällt bloss keine treffende Formulierung ein), all mein Handeln und Tun ist quasi politisch, da mehr oder weniger weitreichend gesellschaftlich relevant. Ich würde das nie so benennen, aber nach deiner Definition ist es das wohl.
    Ich will im Blog einen anonymen, unpolitischen Raum, eine entpannende Flucht aus dem "politischen", relevanten Reallife.
    Mein Mich-Nicht-Äussern ist somit eine Äusserung, meine Nicht-Positionierung ist eine ganz konkrete Positionierung.
    Das Thema hat Platz im Dialog, nicht im Netz.
    Es gibt aber durchaus noch mehrere Gründe, wieso sich Nähfrauen nicht im Rahmen des MMM oder überhaupt der Nähbloggerwelt weltanschaulich äussern wollen: weil sie sich nicht eins machen mit genau dem, was da transportiert wird. Wenn ich kapitalismuskritisch gestimmt bin, möchte ich vielleicht nicht mit denen im Topf sein, die sich und das Hobby immer mehr kommerzialisieren. Wenn ich vom Schlag "jede nach ihrer Facon" bin, möchte ich nicht in denselben Topf gesteckt werden, die aus der Richtung "Gewichtsabnahme ist Verrat am feministischen Ideal" schreiben. Vielleicht möchte ich nicht vor den Feminismus oder überhaupt irgendeinen -ismus gespannt werden, sondern nur Frau sein oder Mensch sein? Vielleicht auch deswegen keine Einigkeit mit pinken Mützen, weil jetzt der #Aufschrei ausbleibt, wenn der Blonde Frauenfeind Bomben schmeisst und ich selber die Relationen anders bewerte?
    Also: ein Schweigen kann durchaus ein bewusstes Schweigen sein, kein dummes, hirnloses Nähmuddischweigen.
    Nur mal so meine 5 Cent.....
    Liebe Grüsse

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    1. ja. auch das, was du hier schreibst ist absolut richtig und wichtig. das ist defintiv auch eine seite, die nähblogs haben dürfen. man sollte sich aber auch dessen bewusst sein, dass es eine zuflucht ist, wie du es sagst.
      ich hatte eine ähnlich hitzige diskussion mit einem anderen menschen um genau diese punkte. das mit den töpfen sehe ich allerdings etwas anders. ich sitze oft in töpfen, in die ich eigentlich nicht gehöre, aber es ist wichtig, dass da verschiedene menschen drin sitzen. zum einen für die bereicherung, zum anderen wird es ohne reibung immer kalt bleiben. meine meinung.
      den begriff der dummheit verkneife och mir übrigens in diesem zusammenhängen sehr bewusst. er ist mir zu sehr mit dingen aufgeladen, über die ich nichts weiß und nichts wissen kann.
      und so ganz ohne politische äußerungen ist ja auch dein blog nicht. spätestens bei der frage "pink" hast du dich ja auch geäußert. irgendwie geht es bei vielen einfach nicht ohne und das ist auch gut so ;)
      liebe grüße,
      jule*

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