Dienstag, 27. Mai 2014

Inklusion ist doch ein Kinderspiel

 Den heutigen Beitrag möchte ich mal einem Thema widmen, das jenseits dessen, was ich auf diesem Blog zeige eine sehr große Rolle in meinem Leben spielt: Inklusion. Eigentlich sollte es das gar nicht, doch aufgrund meines Berufs, meiner Berufung, meiner beruflichen Tätigkeit und meines Menschseins (!!!) bin ich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert. Was man in diesem Zusammenhang immer hört (oder zumindest meistens): "Inklusion? Geht doch gar nicht!"


 Und dann geht es meistens los: "Wer soll das bezahlen? Es gibt zu wenige Ressourcen! Diese (!!! Äh, welche?) Menschen brauchen einfach ganz andere Strukturen und Betreuung, in der Schule senken sie das Leistungsniveau, das ist sooooo viel Arbeit..." Blablabla. Ich will bei Unterhaltungen wie solchen immer am liebsten auf die nächste Palme klettern und mit Kokosnüssen werfen. Tenor ist immer: Menschen mit Behinderung wegsperren, ausgrenzen, die wollen wir nicht haben. Einige Menschen tun so, als seien Menschen mit Behinderung Zombies, die sabbernd unser aller Gehirne wegschlürfen wollen. Lässt bei mir immer unangenehme Gedanken an sehr düstere Zeiten aufkommen. Ich muss erschreckenderweise immer wieder feststellen, dass es gar nicht so vielen Menschen bewusst ist, dass auch im dritten Reich Menschen mit Behinderung zwangssterilisiert, interniert und getötet wurden... Mal drüber nachdenken. Und nein, auch wenn viele es meinen: Inklusion soll und darf nicht nur in der Schule stattfinden, sondern muss überall passieren.
 Erschreckenderweise passieren immer noch Dinge, bei denen ich die Hände nur über dem Kopf zusammenschlagen möchte. Drei Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung:
 1.Beliebte Schimpfwörter auf dem Schulhof sind nach wie vor: "Mongo", "Behindert", "Spasti", "Missgeburt".
 2. Vor kurzem vor einem Kulturzentrum in dem zum dem Zeitpunkt eine Disco für Jugendliche mit Behinderung stattfand: Eine Gruppe Jugendlicher versammelte sich im Eingangsbereich und skandierte lauthals: "Alle behindert! Ihr seid behindert! Geht in die Elbewerkstätten!" (Anm.: Die Elbewerkstätten sind eine große Einrichtung in Hamburg, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten).
 3. Die Mutter eines Kindes, welches ich betreue erzählt mir zum wiederholten Male von den öffentlichen (!!!) Anfeindungen, die sie ertragen muss, weil ihr Kind eine Behinderung hat. Ob man dagegen nicht was hätte machen können, ob sie nicht bei den Vorsorgenuntersuchungen war, dass sie während der Schwangerschaft wohl Drogen konsumiert hätte.
 Das kann man mal so sacken lassen. Ich finde es grausam. Das macht mich wütend, aggressiv, lässt mich den Glauben an die Menschen und die Menschlichkeit verlieren.
 Grundsätzlich sage ich aber immer: "Inklusion? Das ist doch ein Kinderspiel!"


 Denn mal ganz im Ernst: Kindern ist es meistens scheißegal, ob jemand im Rollstuhl sitzt, nicht sprechen oder was auch immer kann, alt oder jung ist. Vielleicht hadern sie kurz mit dem vermeintlich "anders sein", aber im Spiel finden sich alle zusammen. Und sie finden auch oft genug Möglichkeiten, wie alle mitmachen können.
 Und grundsätzlich geht es ja auch nicht darum, sich um Ressourcen zur Betreuung zu kümmern oder so. Die Inklusion hat ein ganz anderes Problem: Die Angst. Die Angst vor dem Anderen, Unbekannten, vor überraschenden, vermeintlich unkalkulierbaren Reaktionen, vor der Angst ebenfalls auf Hilfe angewiesen sein zu können, früher oder später. Aber Grundsätzlich ist doch eines Fakt: Wir alle sind Menschen, die eine Menge gemeinsam haben. Wir alle lachen gerne, wollen lernen, die Nase in die Sonne halten, wir leiden alle, weinen mal, haben Freude an bestimmten Dingen und mögen andere Dinge nicht. Und irgendwie können wie alle miteinander kommunizieren. Auf verschiedene Art und Weise und manchmal muss man dafür einfach (ja, oft ist es einfacher als man denkt) eine neue Sprache lernen.


 Es steckt verflucht viel Rock´n´Roll in Inklusion. Mit allen. Ich erlebe es immer wieder, wie wunderbar die Stimmung in funktionierenden inklusiven Gruppen ist. Wo man miteinander lernt, arbeitet, feiert, lacht und trauert. Es gibt sie und zwar in allen Bereichen.
 Man könnte jetzt sagen (und ich höre es zu oft): "Frau Jule, dass du das sagst ist ja klar. Du bist ja Sonderpädagogin, du hast dir das Thema ja freiwillig ausgesucht." Erschreckenderweise glauben viele Menschen, dass Inklusion Aufgabe der Sonderpädagogik sei.
 Nein! Das hat damit nichts zu tun. Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun! Spannenderweise sind die inklusiven Gruppen die funktionieren die, wo Menschen mit Behinderung zusammenkommen. Da kräht kein Hahn nach, ob jemand im Rollstuhl sitzt, nicht geradeaus sprechen kann oder krumme Beine hat. Da ist es immer normal, dass nichts normal ist. Mit welchem Recht nimmt sich der Rest der Menschheit heraus zu bestimmen, was normal ist?


 Gehen wir doch einfach mal los und nehmen uns so wir wir sind, sehen nicht die Hindernisse, sondern die Chancen. Und es ist so viel einfacher als die meisten Menschen denken. Morgen einfach mal dem Papi mit dem Kinderwagen die Treppe unterhelfen oder dem Rollstuhlfahrer, die Rampe im Bus ausklappen und den sabbernden Menschen in der Bahn einfach mal ein Lächeln zurückschenken. Es könnte so viel schöner sein! Bunt ist irgendwie geiler als schwarz- weiß.
 Behindert ist mensch übrigens nicht, mensch wird behindert, von vielem und von vielen. So [Punkt]

Die ersten drei Bilder habe ich auf der etwas rosaroten aber sehr schönen Inklusionsausstellung im Hamburgmuseum geschossen. Die ist leider schon vorbei und ich war gerade so auf den letzten Drücker drin, sonst hätte ich sie hier sicherlich empfohlen. Das letzte Bild ist ein Produkt meiner KunstlehrerInnenfortbildung.

Kommentare:

  1. jawoll!!!! ich unterstreiche jeden satz :-)
    liebe grüße
    hab einen schönen tag
    koni

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  2. Oh, liest sich das schön! Danke dafür!
    Wohltuend so etwas mal von einer Sonderpädagogin zu lesen. Viele Sonderpädagogen in meinem Umfeld diskutieren leider anders als du!
    Für mich hat Inklusion an allerallerallererster Stelle etwas mit Haltung zu tun. Und schön, dass ich diese hier herauslesen kann!
    Liebe Grüße
    Frau Alberta

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    1. hej frau alberta,
      im ernst? hm... komisch... grundsätzlich kann ich es in dem punkt nachvollziehen, dass ich es auch scheiße finde, dass die förderschulen dicht gemacht werden. ich finde ja, dass alle schulen förderschulen sein sollten. da wars immer so schön kuschelig. beziehung zu den schülerInnen gut, kleine klassen, viel ressource, material, zeit und personal. das waren traumhafte schulstrukturen. hach... aber inklusion muss.
      liebe grüße,
      jule*

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    2. Ich würde manchen von ihnen mal unterstellen, dass sie vielleicht auch aus diesem Kuschel-Dasein diesen Beruf gewählt haben, denn in einer Förderschule kann man sich natürlich gut vor der Außerwelt verstecken. Und manche auch mit so nem "Helfer-Gen" diesen Beruf gewählt haben und da kann es natürlich schwierig werden "diese armen Menschen" in die große Welt zu entlassen... Und natürlich haben sie meiner Meinung nach auch Angst um ihre Profession- was natürlich großer Quatsch ist, denn als Experten sind sie superwichtig für alle Regellehrer, die jetzt mit Inklusion konfrontiert werden. Arbeitest du in einer Förderschule? Liebe Grüße zurück. :)

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    3. ach, um meinen job mache ich mir im zuge der inklusion keine sorgen. leider bin ich als sonderpädagogin für schülerInnen mit geistiger und lernbehinderung an einer "normalen" schule gelandet. inklusion eben. nun habe ich es hauptsächlich mit schülerInnen mit dem förderbedarf emotionale und soziale entwicklung zu tun oder eben mit "normalen". das wollte ich eigentlich nicht. ich vermisste die special kids so sehr, dass ich mir einen nebenjob in dem bereich suchte. das kann aber keine dauerlösung sein. die nächste schule wird wieder eine für alle ;)
      liebe grüße,
      jule*

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    4. Einen Nebenjob neben dem Hauptjob als Lehrerin...du bist die einzige Lehrerin, die ich kenne, die das macht... :)

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