Montag, 20. Februar 2017

Der inklusive Montag: Behindert ist nicht witzig


 Der RUMStag ist ja immer ein herrlicher Inspirationspool. Für meinen heutigen Beitrag lieferte mir eine Bloggerin mit einem Zitat aus einer Einladung für eine Karnevalsfeier eine ganz gruselige Inspiration. In der Einladung hieß es "Ideenbehinderte" mögen bitte wenigstens eine Narrenkappe anlegen. Ich konnte meine Klappe nicht halten und kommentierte dies. Leider wurden die Kommentare die sich daraus entsponnen von der Bloggerin gelöscht, daher ein kleines Gedächtnisprotokoll:

 Frau Jule: "Schöne Narrenkappe, aber hat noch niemand wegen des Begriffs "Ideenbehinderte" aufgeschrien? Das ist ja schon ziemlich diskriminierend."

 Bloggerin: "Ich denke das war als schwarzer Humor gemeint."

 Frau Jule: "Ah, verstehe. So wie Negerwitze. Dann ist das nicht meine Art von Humor. Da kann ich nicht drüber lachen."

 Es war nicht besonders elegant von mir. Das stimmt wohl. Das war so platt, dass es unter der Tür durchpasste und das tut mir leid. Aus dem Kontext gerissen, hätte mir das auch ordentlich um die Ohren fliegen können. Ich hätte durchaus differenzierter argumentieren können und vielleicht auch müssen. So wurden meine Kommentare gelöscht und somit war aller Aufschrei dahin. Andere Kommentierende haben sich nicht daran gestoßen, fanden "Ideenbehindert mag wohl ein ganz wunderbares Wort sein, aber du bist das bestimmt nicht". Niemand sonst hat sich daran gestoßen. Ich stand da also eher alleine rum mit meinem Antidiskriminierungsfähnchen. Den betreffenden Blog werde ich hier nicht verlinken, da ich die Folgen nicht absehen kann. Einen Link zu diesem Beitrag werde ich der Bloggerin aber zukommen lassen, zumal ich ganz leise vermute, dass besagter Blog eine ordentliche Reichweite hat und offensichtlich mit namhaften Unternehmen kooperiert.


 Warum ist dieser Begriff also nicht lustig? Zunächst mal ganz simpel: Der Begriff bagatellisiert Behinderung. Behinderte Menschen und deren Angehörige müssen sich tagtäglich mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Barrieren rumschlagen, die nicht mit einer lustigen Mütze auf dem Kopf beseitigt werden können. Welche Blüten das treiben kann, kann man auf diversen Blogs nachlesen. Z.B. bei Anastasia, Laura Gehlhaar, Jule Stinkesocke oder Mareice. Das sind nur vier Beispiele. Das WWW ist voll mit solchen Blogs. Fragt mal wie oft sie es "witzig" finden, behindert zu sein bzw. zu werden. Dass die Verwendung dieser Begriffe, aber durchaus einen diskriminierenden Wert hat, wird auch da klar, wo sie als Beleidigungen eingesetzt werden. Natürlich könnte man mir nun auch vorwerfen, ich sei ja nicht behindert und hätte somit nicht das Recht da aufzustehen und laut rumzukrakelen. Mache ich aber trotzdem und ich mache auch gerne den Erklärbär (ich lasse das mal des Reimes wegen im Maskulin stehen). Ich werde hier nicht mit Wittgenstein kommen, denn ich finde es immer ganz fein, wenn Menschen mich verstehen.

 Da ich Lehrerin in Klassen von Jahrgang 5 bis 10 bin, ist auch das Thema "Witze, Beleidigungen und Flüche mit Begriffen wie "behindert", "Mongo" oder "Spast" und Co." häufig Thema meiner Interaktion mit Lernenden. Egal ob Pausenaufsicht oder Unterricht, ahnde ich den Gebrauch dieser Begriffe hart. Da den Lernenden aber oft nicht bewusst ist, dass hinter dem Gebrauch dieser Begriffe noch so viel mehr als eine direkte Beleidigung des Gegenübers oder der Sache steht, thematisiere ich das vorher mit ihnen. Am Einfachsten ist das natürlich, wenn ich sie im Unterricht habe. Dann erzähle ich ihnen etwas vom Leben von Menschen mit Behinderung. Von den Barrieren und alltäglichen Diskriminierungen. Da ich häufig mit multikulturellen Lerngruppen zu tun habe, kann ich da oft Berichte alltäglicher Diskriminierung meiner Lernenden zurückgreifen. Und da können sogar Lernende aus einer fünften Klasse mitreden. Seien es Hautfarbe, Religion, Nationalität, Klamotten, sozioökonomischer Stand.... Oft höre ich die Kinnladen dann auf die Tische knallen, wenn sie diese Transferleistung hinbekommen. Es erzeugt auch meistens direkt Solidarität mit behinderten Menschen. In der Erfahrung und dem Begreifen der Diskriminierung werden sie zu Verbündeten. Ich kreide ihnen ihr Nichtwissen niemals an. Sie sind jung, sie wissen vieles (noch) nicht, sie gehen in die Schule, um zu lernen. Auch solche Dinge. Im politikdidaktischen Kontext heißt das Ziel ja Demokratiekompetenz. Da gehört Diskriminierung und Gewalt erkennen, benennen und bestenfalls beseitigen dazu.


 Beleidigungen sind nicht in Ordnung, das steht fest. Die werden so oder so geahndet. Dass man Pubertieren dann aber wenigstens das Fluchen lassen soll, enden solche Erklärbärstunden auch gerne damit, dass wir korrekte Flüche und Schimpfwörter sammeln. Spätestens dann wird das harte Thema witzig und spaßig. Und auch ich kann mein Fluchrepertoire erweitern. Dooferweise gehöre nämlich auch ich zu den Menschen, die gerne und viel Fluchen und das auch in Gegenwart von Lernenden, wenn ich z.B. meinen Tee über mein Lehrbuch kippe oder der Beamer schon wieder nicht funktioniert.

 Bisher habe ich so immer alle Lernenden erreicht. Ziemlich oft ist mir das Herz auch explodiert, wenn ich beobachten konnte, dass meine Lernenden nach diesen Stunden als Multiplizierende durch die Schule laufen. So griffen sie bei Auseinandersetzungen auf dem Schulhof oder im Unterricht ein: "Ey, hast du gerade "behindert" gesagt? Das macht man aber nicht, weil..." oder ich in neuen Mischkursen meine Lernende den Sachverhalt ihren Mitlernenden erklären lassen kann. Besonders spannend wurde es in meinen 10. Klassen, als ich zum Thema Nachkriegszeit das Referatsthema "Krüppelbewegung" vergeben wollte. Da hörte ich die gesamte Klasse aber mal ganz scharf einatmen und "Frau Jule!!!! Das sagt man aber nicht!" aufschreien. Da war ich mal kurz voller freudiger Liebe. Das Referat, das zwei meiner Lernenden zum Thema gehalten haben, war übrigens der Knaller und der gesamten Sache sehr dienlich. Ich würde mir wünschen, dass sie dieses Wissen und diesen Einsatz auch jenseits der Schulgrenzen in der Welt zeigen.


 Ob ich den Begriffe aus dem Kontext "Behinderung" als Beleidigung oder als Witz gebrauche, macht keinen Unterschied. Beides ist nicht schlau. Ja, es ist richtig: Ich habe nicht den blassesten Schimmer davon, wie es ist, behindert zu sein oder zu werden. Ich kann nur beobachten, mit Menschen in Kontakt treten und darüber sprechen. Ich bekomme es in meinem Jugendclub für geistig behinderte Jugendliche oft mit, dass sie geknickt ankommen, weil sie sich schon wieder einen Behindertenwitz oder eine solche Beleidigung anhören mussten. Die sind vielleicht geistig behindert, aber dumm sind sie nicht. Von Diskriminierung habe ich als nichtbehinderte, hellhäutige, kulturell und ökonomisch gut situierte Frau eine rudimentäre Ahnung. Für mich gilt aber immer: Lieber einmal zu viel gegen Diskriminierung aufgestanden als sitzengeblieben. Ich kann nicht für Inklusion sein und bei sowas dann meine Klappe halten. Manchmal fliegt mir dabei die Bestrebung, die Dinge so unkompliziert wie möglich zu erklären, um die Ohren, wie bei dem eingangs erwähnten Beitrag. Man mag unkreativ sein. Aber darum ist man noch lange nicht behindert. Und lustig ist das auch nicht. Denn behindert sein und werden, ist glaube ich kein Spaß. Grundsätzlich gilt immer: Achte auf deine Gedanken, sie werden deine Worte und deine Taten sein. Sollten hier behinderte Menschen mitlesen und das anders sehen als ich, lasst es mich gerne wissen. Ich bin durchaus entwicklungsfähig und höre mir Kritik und neue Denkanstöße gerne an.

 Zum Weiterlesen zum Thema "Behinderung, Diskriminierung und Sprache" hier auf dem Blog:

Der inklusive Montag: ...und die antifaschistische Szene

 Beim Verfassen meiner Beiträge zum Thema Inklusion orientiere ich mich an den Begriffsorientierungen der leidmedien.de/. 

Kommentare:

  1. Noch im Bett liegend, fühle ich mich zurückversetzt um 3 Jahre und stehe plötzlich wieder in der Klasse...ein ewig wiederkehrendes Thema. Dass das nie anders wird, liegt wohl daran, dass es Erwachsene gibt, die so eine Wortschöpfung heraushauen und das auch noch originell finden.
    Ich bin halt ein hoffnungsloser Fall von Gutmensch. Aber ich scheine ja nicht allein zu sein...
    Dir einen guten Tag!
    Astrid

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    1. nein, wir sind nicht alleine. und ich füchte viele menschen, die könnten, halten lieber ihre klappe, weil alles andere zu anstrengend ist... kopf oben halten, weitermachen. es hat lange gedauert, bis das böse n-wort einigermaßen geächtet wurde. mit anderen begriffen wird es vermutlich ähnlich lange dauern.
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Hi Jule, danke für Deinen sehr differenzierten Beitrag - und auch für Deine vielleicht nicht ganz so differenzierten Kommentare. Ich habe den Post (leider oder dankenswerterweise?) nicht gelesen - und bin vom Begriff "Ideenbehinderte" total entsetzt. Wie gut, dass Du Dich "traust" und mit Deiner Meinung nicht hinterm Berg hälst. Lieben Gruß, Karin

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    1. danke für deine bestärkung. man muss wachsam sein.
      liebe grüße,
      jule*

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  3. Wow. Einfach wow. "Ideenbehindert" ist auf so vielen Ebenenen so daneben. (Die innere Texterin findet, dass das Wort noch nicht mal gut KLINGT! Und die zetert noch am leisesten.)

    Danke für dein Engagement.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. es gibt dinge, die man tun muss, sonst ist man kein mensch, sondern ein häuflein dreck. so heißt es in den brüdern löwenherz.
      liebe grüße,
      jule*

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  4. Ich kann dich so gut verstehen... mittlerweile habe ich es geschafft, dass im Fußballstadion in meiner Nähe keiner mehr den Schiri oder andere Beteiligte als "Schwuler" beschimpft, denn es gibt so viele schöne andere Schimpfwörter. Das Sammeln derer macht eindeutig am meisten Spaß und hilft die Gehirnzellen mal wieder zum Rauchen zu bringen.
    Ich bin froh, dass in der Grundschule zumindest zu meinen Ohren noch keine Beleidigungen über Behinderte gedrungen sind. Liegt vielleicht an dem besonderen Kind, das wir in der Klasse haben... (Es lebe die Inklusion!!!!) Wir haben eher das Problem, die Angewohnheit Waffen mit den Händen zu formen und andere Kinder zu erschießen aus den Köpfen heraus zu bekommen... Es ist für die Kinder einfach noch schwer begreifbar, dass wir Kinder unter uns haben, die genau das in real erlebt haben...
    Mach weiter so, ich würde gerne mal Mäuschen spielen bei den Gesprächen :-)

    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. ohje, das mit dem fußball kann ich so verstehen. ich weiß schon, warum ich nur zu pauli gehe.
      in meinen klassen sitzen auch behinderte lernende, aber irgendwie hilft das nicht. könnte auch inklusion sein... das mit den waffen ist ab klasse 5 glaube ich einfach kinderkram.
      mach auch du weiter so.
      liebst,
      jule*

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