Freitag, 10. Februar 2017

Meine schlimmste Allergie


 Ich habe da diese ganz schlimme Allergie. Seit Jahren schon reagieren mein Kopf und der Rest meines Körpers extrem auf jegliche Äußerungen und Symbole die von Faschismus, Rassismus, Homophobie, Behindertenfeindlichkeit, veraltete Geschlechterrollenbilder und Nationalismus. Es beginnt mit Magengrummeln, zieht Würde- und Brechreiz nach sich. Äußerungen wie "Ich bin ja kein Rassist aber..." und "...das wird man ja wohl noch sagen dürfen.", jagen mir eiskalte Schauer den Rücken runter. Sowohl im Kopf als auch im Rest meines Körpers machen sich starke Abwehrreaktionen bemerkbar. Kurz: Ich habe eine Allergie gegen Nazis. Das hält mich allerdings keinesfalls davon ab mich ständig mit ihnen auseinanderzusetzen, gegen ihre Äußerungen auf die Straße zu gehen, ihre Aufkleber zu überkleben und mich mit Worten, Händen und Füßen gegen sie zu wehren. Auch hier auf meinem Blog. Ganz schlimm wird es, wenn sie meinen, meine Nähe aufsuchen zu müssen. So irgendwie passiert am vergangenen Dienstag in "meinem Viertel". Die Vor- und Nachberichterstattung in den Medien war wahrhaft spärlich und verwirrend. Zunächst gab es kaum Informationen, dann traten sie relativ widersprüchlich in Erscheinung. Man konnte sich nicht einigen, ob da nun eine A*f*D- Veranstaltung im Hamburg Haus stattfinden sollte oder eine Veranstaltung einer dubiosen A*f*Dnahen Stiftung. Klar war nur: Irgendwelche Menschen der A*f*D meinten in einem öffentlichen Gebäude in meinem Viertel Reden schwingen zu wollen. Das Bündis gegen Rechts in Hamburg hatte zur Gegenveranstaltung aufgerufen. Da mal vorbei zu schauen, schadet ja nichts. Im Zweifelsfall bekommt man mal gefährliche Menschen in feinem Zwirn zu Gesicht. Es war eine angemeldete Demo. Die gepanzerte Pozilei und ihre Absperrgitter waren auch schon vor Ort. Am Ende fand die geplante Veranstaltung der A*f*D oder dieser Stiftung mit Rededes Fraktionsvorsitzenden der A*f*D Hamburg nicht statt. Sie wurde abgesagt, bevor die begonnen hatte. Nazis haben den Schwanz eingeklemmt. Sie konnten sich nicht gegen ein paar Menschen wehren, die im Saal und auf der Straße gegen ihre Machenschaften laut wurden. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich darüber nicht diebisch gefreut hätte.


 Am nächsten Tag versuchte ich kontrovers mit mir selbst zu diskutieren. Weniger, weil ich meine eigene Meinung anzweifele, als vielmehr weil ich das Bewusstsein und das Gefühl habe, dass man wieder mehr und aktiver diskutieren MUSS und dafür das Gehirn in Schuss halten sollte. Natürlich haben Nazis die Blockade der besagten Veranstaltung gleich dazu genutzt, den Linken vorzuwerfen, sie würden die Meinungsfreiheit, die ihnen selbst so wichtig ist, nicht zu achten. Ja, wir (ich war ja dabei) haben es geschafft, eine Veranstaltung zu verhindern in der es um Meinungen ging. Allerdings kann man ja wohl nicht sagen, dass "die Alternativen" dafür bekannt sind, dass sie sich an die Regeln der Meinungsfreiheit halten würden. Bei ständigen menschenverachtenden Äußerungen ihrer Anhängenden hört die Meinungsfreiheit auf. Defintiv. Dass es diese Menschen es immer wieder schaffen, sich mit ihren Äußerungen in rechtlichen Grauzonen zu bewegen macht es keinesfalls besser. Zudem ist es extrem fraglich, in wie weit es rechtens ist, unter dem Decknamen einer Stiftung öffentliche Räume anzumieten, um dort zu tagen. Die gesamte Veranstaltung dieser Nazis erschien äußerst dubios. Es war ja nun auf keinen Fall so, dass die A*f*D da öffentlich einen Raum angemietet hätte, um ein Stricktreffen abzuhalten. Und es ist mein gutes Recht im Namen der Meinungsfreiheit aufzustehen und zu sagen, dass ich das was sie sagen und tun scheiße finde und auch warum. 

 
 Die Gegenveranstaltung vor der Tür war jedenfalls öffentlich angemeldet. Es war deklariert, wer hier wozu aufruft. Die Menschen die dort standen, Krach gemacht und Reden geschwungen haben haben ihr Gesicht gezeigt. Und sie werden es wieder tun, wenn eine dubiose Veranstaltung der Nazis im nächsten Monat dort wieder stattfinden sollte. Gerüchteweise ist sie angekündigt. Es werden sicherlich wieder Menschen den Saal entern und von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit gebrauch machen. Es sind öffentliche Räume. Und auch ich werde wieder da sein. Egal bei welchem Wetter.


 Ja, ich reagiere sehr empfindlich auf Nazis, die nicht als solche bezeichnet werden wollen (gerüchteweise). Und ich werde immer aufstehen sobald ich welche auch nur ansatzweise in meiner Nähe rieche. Denn ja: Ich habe Angst vor ihnen. Sowohl vor den Schlägertypen als auch vor den Nazis im feinen Zwirn. Aber diese Angst wird mich nicht lähmen. Im Gegenteil: Sie wird mich antreiben. Wehret den Anfängen. Ich fühle mich gruselig an die Geschichtsschreibung von vor 85 Jahren erinnert. Besser ich stehe jetzt mit 300 anderen an einem arschkalten Hamburger Winterabend wegen einer vermeintlich "harmlosen" Veranstaltung auf der Straße und überklebe Nazipropaganda, als dass ich mir morgen von einem Stiefel den Schädel eintreten lasse. Jeden anderen Mensch, der das nicht tut, kann ich nur schräg anschauen. Und wenn mir jemand vorwirft, ich würde die Meinungsfreiheit mit Füßen treten, weil ich Naziveranstaltungen blockiere, der kann mir einfach mal den Buckel runter rutschen. Und beim Argument, das sei "linke Gewalt" kann ich nur husten. Das wäre dann auch ein Symptom meiner Allergie. Das beste Mittel gegen diese Allergie ist den Mund aufmachen, auf die Straße gehen. Und darum werde ich das immer und immer wieder tun.


 Und wer das, was ich von mir gegeben habe, nicht so ganz verstanden hat, dem kann der großartige Hagen Rether sicherlich weiterhelfen. Sein Programm "Liebe" kann man hier in der Mediathek von 3sat nachsehen. Sollte ich diesem Mann jemals begegnen, ich müsste vor ihm auf die Knie fallen. Und auch er läuft vermutlich aus "Gründen der inneren Sicherheit" (Zitat ebd.) nur im Spartenprogramm mitten in der Nacht.
 Was die Bilder angeht, wollte ich nur mal aufzeigen, bei welchen Tätigkeiten solche Gedanken für solche Blogeintrage vor sich hin reifen. Das hier ist kein Handarbeitswohlfühleskapismusblog. Und solange ich die Freiheit habe ihn so zu gestalten, wie ich das möchte, werde ich das tun.

Kommentare:

  1. Danke. Dein Artikel spricht mir aus der Seele

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  2. Meine Augen drehen sich in den Hinterkopf, wenn Menschen ihre Fremden- und sonstige Feindlichkeiten mit "Meinungsfreiheit" rechtfertigen.
    Die in Artikel 5 verbriefte "Meinungsfreiheit" ist ein Abwehrrecht gegen den Staat und besagt damit prinzipiell, dass du nicht dafür verhaftet werden kannst. Der Satz, dass die Meinungsfreiheit (und alle anderen in Artikel 5 verbrieften Rechte) in allgemeinen (!) Gesetzen ihre Schranken finden, wird ja auch gerne ignoriert. Rege ich mich jedes Mal unglaublich drüber auf.

    Um noch was zu den allgemeinen Gesetzen zu sagen, die Meinungsfreiheit einschränken: die gegen Beleidigungen, Volksverhetzung, Diskriminierung usw. gehören dazu!

    Liebe Grüße,
    Sabrina (keine Juristin, aber dennoch berufsbedingt mit Artikel 5 vertraut)

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    1. ich bin da leider nur so bedingt bewandert. ich kann berufsbedingt nur den beutelsbacher konsens von vorne nach hinten und wieder zurück runterleiern. aber der spielt ja nur im schulischen kontext eine rolle. wo ist mein grundgesetzbuch?
      liebste grüße,
      jule*

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    2. https://www.bundestag.de/grundgesetz

      Entschuldige, ich konnte nicht anders. :D
      Leider geht aus dem bloßen Gesetzestext nicht heraus, dass sich das Gesetz wirklich nur auf das Verhältnis zum Staat bezieht, dass mit "Zensur" staatlich organisierte Nachzensur gemeint ist, was unter allgemeinen Gesetzen verstanden wird usw. Das wurde mir in diversen Vorlesungen zu Medienrecht u. ä. auseinanderklamüsert.

      Wenn es dich interessiert, kann ich mal danach suchen gehen? :)

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    3. ach, gar kein stress. ich habe bergeweise rechtsverdrehende in meinem lieblingsmenschenkreis. mit denen kann ich bei sowas immer herrlich schnaps trinken und ihnen dabei löcher in den bauch fragen. danke dir!
      liebst,
      jule*

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  3. ich LIEBE hagen rether und habe ihn schon zweimal live gesehen - großartigst!!! bei jedem seiner sätze habe ich das gefühl, genauso hätte ich es auch gesagt, wenn ich es so gut könnte wie er... und dir danke ich für dein unermüdliches engagement - du hast vollkommen recht: man kann nicht genug aufpassen! manchmal denke ich, die "zeiten" werden immer rauer :-(
    hab - trotz aller nazis, diktatoren, ewiggestrigen und anderer schlechtigkeiten - ein gutes wochenende. herzlich koni

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    1. danke! und ich werde ein gutes wochenende haben. habe gerade kekse gebacken ;)
      dir wünsche ich auch ein zuckersüßes wochenende!
      liebst,
      jule*

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  4. Danke für Deine tollen Worte und Deinen Einsatz! Und wie schön, dass dein Blog kein "Handarbeitswohlfühleskapismusblog" ist, sondern ganz im Sinne der ursprünglichen Blog-Erfinder/innen "an unedit voice of a person".... Hagen Rether werde ich mir ansehen :-) Liebe Grüße! Karin

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    1. danke! und ja: an die ursprünge der blogs musste ich zwischenzeitlich auch denken. evtl. wäre es zeit sich auch mal dazu zu positionieren.
      liebe grüße,
      jule*

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  5. Was gäbe ich dafür, so reden zu können wie Hagen Rether! Die Gedanken sind da, die entsprechenden Worte fehlen mir aber fast immer dafür. Ein toller Mann mit großartigem Talent und ganz viel Weisheit!

    Auch jetzt und hier fehlen mir die Worte und so sage ich dir erstmal nur Danke, dafür dass Du hier genau solche Texte veröffentlichst!
    Auch ich kenne Symptome dieser Allergie, mir wird vor allem schlecht bei Kontakt mit oben beschriebenen Gedankengut. Außerdm bekomme ich sehr häufig Kopfschmerzen - vielleicht sollte ich mir nicht so oft vor die Stirn schlagen, wenn ich auf entsprechende "Meinungen" treffe... ;)

    Danke, liebe Jule!

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    1. und immer wieder gerne! irgendwie sollten das viel mehr menschen machen...
      liebst,
      jule*

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    2. Ja, eigentlich schon... ;)

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