Dienstag, 14. August 2018

Schreiben, Resilienz, Selbstwirksamkeit und Empowerment


 Ich schreibe schon sehr lange Tagebuch. Mal mehr, mal weniger intensiv, je nachdem, was gerade so anliegt. Mittlerweile habe ich sicherlich so an die zwei Meter voller vollgeschriebener Tagebücher in meinem Schrank stehen. Ich schreibe, zeichne, klebe ein, was in meinem Leben eben so los ist. Das ist meistens hilfreich und später oft echt spannend. Dieser Blog hier ist eine fabelhafte Ergänzung dazu. Aber ich teile hier sicherlich nicht alles, was in meinem Kopf und in meinem Herzen so oft tobt, auch wenn manchmal der ein oder andere Gedanke vom Papier auf die digitale Seite hüpft.


 Bei und vor allem nach dem ganzen zermürbenden Chaos der letzten Wochen habe ich viel über Resilienz, Empowerment und Selbstwirksamkeitserwartungen nachgedacht, mit Menschen gesprochen und philosophiert. Die drei genannten Themen sind auch immer Themen meiner Arbeit als Sonderpädagogin. Im Folgenden möchte ich mich aber von jeglicher Wissenschaftlichkeit dieses Beitrages freisprechen. Ich habe da mal sowas studiert und wende es auf der Arbeit täglich an. Ein Mindestmaß an theoretischem Wissen ist wohl vorhanden, dennoch hatte ich keine Lust diesen Beitrag mit langweiligen Zitaten und Theorien zu unterfüttern. Das ist zum einen staubtrocken und oft einfach schwer verständlich. Darum lieber persönlich.


 Resilienz ist eine sehr spannende Sache. In der Wissenschaft habe ich es vor allem bei wirklichen Extremfällen kennengelernt. Ursprünglich ein Begriff aus den Ingenieurswissenschaft. Gemeint ist allerdings in psychologischen Zusammenhängen die Anpassung und den Umgang von Menschen mit schwierigen Lebensituationen. Vor allem der Umstand, dass man trotz schwierigen Lebensumständen weiterhin in der Lage ist und bleibt, sein Leben zu meistern und es zufriedenstellend zu führen. Trotz Schwierigkeiten nicht zusammenzubrechen. Das ist sehr verkürzt dargestellt, aber hoffentlich verständlich. Aber selbst, wenn die schwierigen Situationen nicht lebensbedrohlich sind, ist es immer hilfreich zu wissen, welche Resilienzfaktoren man selbst besitzt. Welche Dinge einen stark machen, einen ermutigen, das Leben in die Hand zu nehmen und weiter zu machen und sich eben nicht aufzugeben. Da gibt es einige bekannte Dinge, z.B. Menschen, denen man vertraut und die einen gut beraten und stützen können, Dinge, die man tun kann, aus denen man Bestätigung und Erfolgserlebnisse generieren kann, sichere Orte, an denen man wirklich entspannen kann. Aber es sind eben auch sehr individuelle Dinge.
 Die Selbstwirksamkeitserwartung greift z.B. genau diese Dinge auf, die man tun kann. Dabei können sie eine gute Stütze werden. Es ist hilfreich, wenn man etwas im Leben hat, von dem man weiß, dass man damit etwas bewirken kann, dass man darin erfolgreich und gut ist. Das gibt eben diese Kraft, die einem hilft weiter zu machen, egal was sonst so los ist.
 Empowerment meint dann wiederum die Tatsache, dass man Menschen Verantwortung überträgt und ihnen die Fähigkeiten mitgibt und zutraut, ihr eigenes Leben und Lebensumstände im Rahmen ihrer Bedürfnisse selbst zu gestalten. Zauberwörter ist hier auch Selbstbestimmung und eben auch der Mut, etwas zu tun. Der Empowermentansatz beinhaltet auch, dass man sich mit anderen Menschen in gleicher Interessenlage zusammenschließt und sich gegenseitig unterstützt.


  Vor allem im Hinblick auf den Empowermentansatz habe ich überlegt, wie sich Menschen überhaupt treffen, um sich auch zusammen in die Selbstbestimmtheit zu begeben. Dabei kam ich irgendwann auf die Dinge, die rund um #aufschrei oder #metoo passiert sind. Ich bin mir da noch nicht so ganz sicher, ob das ein Ansatz zum Empowerment war, dass sich ein Mensch "outet" und damit andere ermutigt, sich ebenfalls zu "outen" und man sich eben so findet, zusammenschließt und gemeinsam stark die eigenen Leben wieder in die Hand nimmt. Ich hatte hier auf dem Blog bei bestimmten Themen oft den Eindruck, dass sich einige von den Lesenden hier wieder fanden. Zumindest gab es in den Kommentaren oft viel Fernwärme, die mich dazu ermutigt haben eben diese schwierigen Themen weiter zu behandeln. Sie haben mich auch stark gemacht und ich habe die leise Hoffnung, dass es der ein oder andere Blogbeitrag auch bei den Lesenden geschafft hat. Diesen Blog zu schreiben, ist nämlich irgendwie auch so einer meiner Resilienzfaktoren.


 All das hat natürlich auch immer politische Tragweite. Das Private ist IMMER auch politisch. Um politisches UND privates Engagement am Laufen zu halten, braucht es eben auch Resilienz, Selbstwirksamkeitserwartung und Empowerment. Vermutlich wird es in nächster Zeit mehr Beiträge zu diesen Themen geben. Dinge, die mich wanken lassen und die es zu bekämpfen gilt. Aber auch Beiträge über Dinge, die mich stark machen. Vielleicht findet sich der ein oder andere Mensch dabei wieder, kann sich getröstet, bestärkt und nicht so einsam fühlen.
 Tagebuch schreiben und nähen grundsätzlich machen mich auf jeden Fall stark. Darum gab es einen Stapel neuer Tagebücher. Die dürfen noch rüber in die Dienstagssammlung. Eine Anleitung, wie ich die so baue, habe ich hier schon mal gepostet. Damit hoffe ich, dass dieser Beitrag vielleicht schonmal hilfreich war. Ich freue mich -wie immer(!!!)- über eure Kommentare, Meinungen, Ergänzungen und Erfahrungen zum Thema.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Jule,
    vielen lieben Dank, dass du uns zu deinen Gedanken rund um die Themen Selbstwirksamkeit, Resilienz un Co. teilhaben lässt. Ich finde die Beschäftigung mit diesen Themen auch super spannend im Hinblick auf mich selbst natürlich - aber auch im Hinblick darauf, wie es meinen Blick auf die Welt unterstützen kann. Wie mein Umgang mit anderen Menschen dabei helfen kann, dass wir alle unsere Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können...schön, so ein persönliches Thema zu lesen, dass wie du ja auch bereits schreibst, gleichzeitig auch so politisch sein kann...
    LG Pamela

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    1. ich danke dir für deine worte. irgendwie habe ich so im gefühl, dass es demnächst noch mehr zum thema geben wird.
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Danke für deine Infos zu diesem Thema! Das sind ja Worte, die immer durch die Gegend schwirren, aber da nochmal eine unwissenschaftliche Definition für zu haben, finde ich sehr wertvoll.

    Ich habe während der Jugend mehrere Jahre lang Tagebuch geschrieben und danach immer wieder in schlimmen Phasen, aber irgendwie nicht mehr durchgehend. Manchmal finde ich das schade...

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    1. ja, das ist wirklich schade. ich bin ja fanin von prävention. darum schreibe ich irgendwie immer mal mehr mal weniger... da kommt man nicht aus dem flow ;)
      liebst,
      jule*

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  3. Hallo Frau Jule,

    danke für deinen Text! Gerade bschäftige ich mich auch viel damit - speziell rund ums Bloggen, denn rein privat gibts da viele politische, feministische und gesellschaftliche Themen, die mich aufregen und mich beschäftigen. Ich habe früher Tagebuch geschrieben und später dann immer gebloggt - thematisch querbeet - aber seit einiger Zeit finde ich es schwierig alles auf einem Blog unterzubringen.

    Deswegen habe ich ja jetzt einen neuen Blog gestartet, wo da mehr Platz für ist. Denn darüber schreiben und das verarbeiten - das muss ich einfach.

    Und vielleicht ist Bloggen - speziell über solche Themen - auch eine Art von Empowerment und Selbstwirksamkeitserwartung. Letzteres kannte ich bisher noch nicht. Danke also für deinen Text! Schon bin ich wieder am Nachdenken :).

    Lieber Gruß,
    Sonja

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    1. warum einen extra blog? die meisten umstände sind ja miteinander verwoben. hier geht es ja im weitesten sinne auch um handarbeit UND politik. ich kann und will das nicht trennen. ich trenne ja auch mein leben nicht.
      liebe grüße,
      jule*

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