Montag, 20. April 2015

Der inklusive Montag: Die dunkle Seite der inklusiven Schulrealität


 Der inklusive Montag findet hier alle zwei Wochen statt. Alle zwei Wochen gebe ich hier einen kleinen Einblick in die vielseitigen Chancen und Möglichkeiten, die die Inklusion mit sich bringt. Wer nochmal nachlesen möchte, was Inklusion überhaupt bedeutet, kann das hier nochmal tun. Grundsätzlich soll es um die guten Seiten gehen, um das was schon funktioniert und um das wo sich noch etwas ändern muss. Hier soll nicht gemeckert, sondern angepackt und sich gefreut werden. Anzumerken ist zum Schluss, dass ich "nur" eine Seite der Inklusion beleuchten kann, da ich "nur" Sonderpädagogin bin. Aber vielleicht finden sich ein paar Menschen, die gastbloggen möchten. In diesem Falle bitte gerne bei mir melden.
  
Thema heute: Die dunkle Seite der inklusiven Schulrealität

 Ja, ich wollte hier gerne über die schönen Seiten der Inklusion schreiben. Die netten, schönen, einfachen Dinge. Doch in den letzten Wochen ging es mir wie so vielen Betroffenen: Er laugt mich aus, der Kampf um Gleichberechtigung. In der Schule in der ich seit fast fünf Jahren arbeite, sind wir noch weit von einer gelungenen Inklusion, ja sogar einer inklusiven Haltung entfernt. Was das Problem ist? Ich muss es heute mal rauslassen und habe mir dazu überlegt, das in Form eines Arbeitstages von mir zu tun. Also los:

1./ 2. Stunde Deutschvertretung: Eigentlich hatte ich dem Vertretungslehrer gesagt, er müsse nicht kommen, ich weiß, was drankommt, kenne die Klasse, bin dort als Sonderpädagogin in diesen Stunden eh eingesetzt. Der Vertretungslehrer kommt natürlich trotzdem, mit der Begründung, er sei schließlich Deutschlehrer und das sei ja gar nicht mein Fach. Er hat einen Haufen Arbeitsblätter dabei und sagt, ich könne gehen, er würde das schon machen. Grml. Ich gehe nicht. Während der Stunde, verzweifelt Franka (Förderbedarf Lernen) schon beim Lesen des Arbeitsauftrags, Daniel (Förderbedarf emotionale und soziale Entwicklung) malt erst auf dem Zettel, zerreißt ihn anschließend, wirft in quer durch die Klasse und läuft rum. Die üblichen verdächtigen Mitlernenden stacheln ihn an, die fleißigen versuchen verbissen etwas zu schaffen. Vertretungslehrer schreit rum, setzt einzelne Lernende vor die Tür, blickt mich zwischenzeitlich verzweifelt an, ich laufe zwischen den Lernenden rum, versuche zu beruhigen, erklären, zum Arbeiten anzuhalten. Kurz vor der Pause bin ich schweißgebadet, Daniel darf malen, da ich die Situation sonst wohl nicht in den Griff bekommen hätte, wie ein Stuhl fliegt, weiß ich schon. Der Vertretungslehrer entlässt die Klasse in die Pause, die Klasse sieht aus wie ein Schlachtfeld. Während er seine Sachen packt, lässt er sich über diese verrohten Lernenden aus, die nichts könnten und diese "Inklusionskinder" würden das ja alles noch viel schlimmer machen. Ich frage mich, wer diese "Inklusionskinder" sein mögen. Ich weiß, dass dieser Begriff gerne fälschlicherweise für alle Lernenden mit sonderpädagogischem Förderbedarf missbraucht wird. Dass im Grunde genommen alle Lerndenen dieser Schule Inklusionskinder sind ist auch nach 5 Jahren noch nicht angekommen.

 Pause: Ein Kollege kommt auf mich zu. Er hätte eine Frage an mich als Sonderpädagogin.
 "Ich war gestern mit meiner Frau im Theater und in unserer Reihe saß so ein gaz komischer Mann. Der hat immer so gezuckt und Stoßlaute von sich gegeben." Ich denke, es könne sich um einen Menschen mit Spastik handeln, sage aber nichts, warte erst mal ab. Kollege führt weiter aus: "Das ging jedenfalls die ganze Vorführung so. Ich meine ich weiß, dass wir in Zeiten von Inklusion leben, aber muss man so etwas ertragen?"
 Ich überlege, ob er mich das als Sonderpädagogin oder als Menschen fragte. Ich sage ihm, dass er es wohl nicht verstanden hätte und weiß nicht, ob es jetzt Zeit wäre laut schreiend weg zu rennen oder mich auf den Boden zu werfen und zu weinen.

 3./4. Stunde: Deutsch 8te Klasse. Lektüre. Ich komme mit meinen Kopien für Lea, Oskar und Ramin (alle Förderbedarf Lernen). Die Deutschlehrerin verteilt fröhlich ihre Kopien, auch an die Förderschüler. Sie sollen alle Kapitel zwei in der Lektüre lesen und dazu das Arbeitsmaterial bearbeiten. Ich packe meine Kopien und trage sie zu den Förderschülern. Ich habe bereits die ersten fünf Kapitel in einfacher Sprache zusammengeschrieben, ohne den Romancharakter zu sehr zu verändern. Die Deutschlehrerin kommt vorbei, linst auf die Zettel. "Neinnein, das brauchen wir nicht, lass die mal das Buch lesen, die lernen ja sonst nichts." Ich halte nicht soviel von fachlichen Diskussionen vor Lernenden. Ich lasse auch die Förderlernenden lesen. Am Ende der Stunde haben sie die ersten drei Seiten des Kapitels mit Ach und Krach gelesen, die Arbeitszettel sind unangetastet... Ich versuche mit der Deutschlehrerin zu reden. Meine Argumente prallen ab. Sie faselt was, von wegen, auch die Förderlernenden müssten das mal schaffen, wir seien ja hier nicht an der Förderschule. Meine Zusammenschrift schmeiße ich in die Tonne. Müde.

 Pause: Die Pausenaufsicht kommt auf mich zugestürmt. "Deine Schüler haben sich geprügelt, Daniel und Ramin. Kümmer dich drum". Ich antworte: "Das sind nicht meine Schüler, Ramin ist in deiner Klasse, Daniel bei Frau Müller, wenn dann sind das unsere Schüler." "Aber das sind doch die Förderschüler, das sind doch deine, ich bin für die nicht zuständig."...

 5. Stunde: Mathe in der 7ten. Ich beginne die Stunde, indem ich mich doch um den Konflikt zwischen Ramin und Daniel kümmere. Schließlich bin ich ja "nur" die Zweitbesetzung. Ich schaffe es, sie zu beruhigen. Da ich Daniel schonmal in einem anderen als dem Klassenraum habe, gebe ich ihm gleich das Mathematerial, das ich für ihn vorbereitet habe und lasse ihn daran arbeiten. Er ist gut drauf, Mathe mag er, es läuft. Ich flitze in den Klassenraum, um nach Franka zu schauen, bei der Mathe nicht so gut läuft. Ich bin erstaunt, dass sie vor dem gleichen Arbeitsmaterial wie alle anderen sitzt... und verzweifelt. Ich frage sie, wo ihr Material sei. Sie hat es nicht bekommen. Es liegt noch auf dem Pult. Ich gebe es ihr und frage den Mathelehrer leise, warum er ihr das Material nicht gegeben hätte. Er antwortet knapp: "Na, wenn du nicht da bist, kann sie das doch nicht machen. Da könnte ich ihr nicht helfen, darum muss sie dann eben das mit allen anderen machen. Ich bin ja kein Sonderpädagoge."

 6. Stunde: Englisch 8te. Ich lasse meine siebener mit ihrem Material in der zweiten Mathestunde alleine, das müssen sie jetzt schaffen. Der Englischlehrer steht vor der Klasse. Halligalli. Er sieht mich verzweifelt an. Schnell sitze ich neben unserem Rädelsführer Adam (Förderbedarf emotionale und soziale Entwicklung). Ich schaffe es ihn ans Arbeiten zu bekommen. Auf unserem offen sichtbaren Schiebesystem zur Rückmeldung von Unterrichtsverhalten stehen viele Lernende auf Minus, die Spalte für fleißige Lernende ist leer. Von links flüstert mit Antonia zu, dass sie schon die ganze Zeit arbeite, aber immer noch nicht auf Plus stünde, sie hätte es dem Englischlehrer auch schon gesagt. Während ich mich mit ihr unterhalte, schweift Adam ab, schmeißt einen Stift, die Keile geht wieder los. Der Englischlehrer schiebt die halbe Klasse auf Minus und droht mit Verweisen, die Fleißigen werden auch laut und fordern ihre Plussbewertung ein. Als es klingelt ist der Englischlehrer als erster draußen, ich versuche die Wogen zu glätten.

 14 Uhr Konferenz: Es fallen Aussagen wie "Die Förderschüler/Inklusionskinder machen Unterricht nicht möglich." "Ich bin dafür nicht ausgebildet/zuständig." "Die sind dumm und können gar nichts." "Habt ihr mal mit deren Eltern geredet? Ich sag nur: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." "Ich werde nicht auf zwei Niveaus in meinem Unterricht arbeiten." "Die Sonderpädagogen tun gar nichts."


 Dass es auch gute Momente in der "inklusiven" Schule gibt, erzähle ich dann beim nächsten inklusiven Montag. Und natürlich gibt es auch Regelschullehrende, die einfach so und ganz selbstverständlich fantastischen inklusiven Unterricht für alle Lernenden machen, die sind leider eher die Ausnahme. Und oftmals fällt es mir bei diesem ganzen Scheiß wirklich schwer, gute Laune zu behalten. Wir haben bei uns an der Schule haupsächlich mit Lernenden mit den Förderbedarfen Lernen oder emotionale und soziale Entwicklung zu tun. nicht daran zu denken, wenn wirklich mal Lernende mit geistiger Behinderung, Hör- oder Sehbehinderte über unsere Türschwelle treten.
 All diese Sachen passieren selten alle an einem Schultag, aber mit Sicherheit beispielhaft innerhalb einer Woche. Mareice nennt sowas "Behinderte Momente". Seit fünf Jahren wird in Hamburg inklusiv beschult, es gibt zahlreiche Fortbildungsangebote... Der aktuelle Bericht des UN- Ausschusses über die Lage der Inklusion in Deutschland spricht eine ähnliche Sprache wie meine Erlebnisse (Eine Zusammenfassung gibt es hier). Mehr bleibt mir dazu nicht zu sagen.

Kommentare:

  1. Eigentlich würde ich mich jetzt sehr gerne über die Lehrer unterhalten, über mein Unverständnis aber auch mein Verständnis, über ihre Ängste und Unsicherheiten, aber bringt ja nicht viel... Daher bewundere ich lieber deine Leidenschaft und dein Engagement, dein Durchhalten und deinen Blick auf die Schüler mit Förderbedarf! Das ist toll zu lesen.
    Liebe Grüße und viel Kraft und Liebe für diese Schulwoche,
    Anika
    Ach, einen muss ich loswerden. Ich höre immer wieder, vermehrt von LehrerInnen, den Begriff "Inklusionskinder". Wenn ich den höre, schalte ich meistens schon ab... Ich versteh den Begriff nicht, also ich will ihn nicht verstehen... :)

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    1. ängste und unsicherheiten? das hätte ich vielleicht vor 5 jahren noch verstanden, aber mittlerweile kann das keine rechtfertigung mehr sein....
      liebe grüße,
      jule*

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  2. Danke! Mir fehlt grad die Zeit länger zu antworten, fühle aber als Mama mit Kindern, die knapp am Förderbedarf vorbeischrammen, mit.
    LG Ines

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    1. dankesehr! das bedeutet mir viel.
      liebe grüße,
      jule*

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  3. Na, die Aussagen deiner Kollegen klingen ja so, als wenn Du die Lehrerin mit den Superkräften bist! ;)
    Liebe Grüße und halte durch!
    Antje

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    1. in 15 monaten ist sabbeljahr ;)
      liebste grüße,
      jule*

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  4. Hallo, ich kann dich gut verstehen. Es ist gruselig, dass es heutzutage immer noch solche Meinungen gibt und dass sich Lehrer immer noch darauf zurückziehen können "ich hab´ es nicht gelernt..." . Ich bin auch Lehrerin einer Grundschulklasse in Bremen, und wir müssen seit Jahren "inklusiv" arbeiten. "Inklusiv" weil wir überhaupt nicht unterscheiden, welche Kinder bei uns ankommen. Natürlich schauen wir im Laufe der Schulzeit, welche Bedarfe die einzelnen Kinder haben und holen dann die Sonderpädagogen zu Hilfe. Aber differenziertes Arbeiten dürfte heute eigentlich keiner Kolleg_In mehr fremd sein. Meine Kinder (13 und 15) gehen in Bremen in eine Oberschule. Dort ist auch nicht alles Gold, aber sie scheinen schon ein wenig weiter zu sein (hoffe ich).

    Danke für deinen Blog und die Gedanken an denen du uns teilhaben lässt. Ich lese gerne bei dir. Liebe Grüße von Iris

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    1. deine einstellung freut mich zu lesen. und soweit ich informiert bin, sind wir in hamburg ja ressourcenmäßig vergleichsweise gut ausgestattet. in bremen scheint das ja auch nicht so prall zu sein.
      weiter so!
      liebe grüße,
      jule*

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