Donnerstag, 29. Juni 2017

Veganismus ist kein Statussymbol


 Jaja, sie hat schon wieder Geschirrtücher bestickt. Aber das macht ja auch so einen Spaß und man kann fabelhaft dabei nachdenken. In diesem Fall zum Beispiel über Veganismus. Diese Blume ist nämlich das Zeichen dafür. Sie wird von der 1944 gegründeten Vegan Society vergeben. Mittlerweile prangt sie auf vielen Verpackungen im Super- und Drogeriemarkt. Als ich vor über elf Jahren mit dem Vegankram anfing, hat man sie noch nicht so häufig auf Produkten gesehen. Es hat sich in den letzten Jahren viel getan. Ich betrachte das ein bisschen mit gemischten Gefühlen. Es ist einfach geworden, irgendwie vegan zu leben. Vor allem im Hinblick auf Ernährung und Kosmetik. Doch zu einer veganen Lebensweise gehört ja noch so viel mehr. Klamotten mit Wolle, Seide oder Leder kommen mir nicht ins Haus. Nichtmal in Second Hand. Ebenso werde ich mir kein Haustier halten oder Reitsport betreiben. Um Zoos und Zirkuse mir Tieren mache ich einen großen Bogen. Probleme gibt es nach wie vor bei Medikamenten... Muss man halt wissen. Das alles fällt mir sehr leicht.


 Ich habe das nicht von jetzt auf gleich geschafft. Ich habe alte Klamotten und Schuhe, die nicht vegan waren, kaputtgetragen. Ein paar alte Wollsachen besitze ich wohl noch. Ich habe mir stapelweise Wissen über Tierhaltung, tierische Produkte, Ernährung undundund angeeignet. Aktiv missionieren tue ich aber nicht. Ich lebe lediglich so. Hin und wieder trage ich mal ein Shirt, Button oder einen Patch mit entsprechendem Hinweis. Das war es aber auch. Ich muss Menschen, die gerade herzhaft in ein Steak reinbeißen nicht anpöbeln, auch wenn ich es eklig finde. Das alles macht mich aber nicht zu einem besseren Menschen. Ich mache es einfach. Ich lasse mir von Menschen gerne Löcher in den Bauch fragen, aber ich lasse mich nicht mehr dafür anpöbeln oder in dämliche Diskussionen verwickeln. Wer meint, dass Fleisch essen und Co. total natürlich sind und Landwirtschatsmenschen ja auch nur (über-)leben wollen, soll das Smartphone abgeben und zurück in eine Höhle ziehen.


 Nervig finde ich allerdings die Menschen, die meinen, sie wären jetzt bessere Menschen, weil sie ihren Latte mit Sojamilch bestellen. Die sich für Übermenschen halten, weil sie eine Tofuwurst gebraten haben und von oben herab auf die Menschen blicken, die sich von Fast Food Burgern ernähren. Zu viele Menschen vergessen, dass die vegane Lebensweise eine sehr priveligierte ist. Anständig durchgezogen, demonstriert sie im Zweifelsfall einen hohen Bildungsgrad, Leben in einer gut situierten Gesellschaft, in der man es sich leisten kann sich über Dinge wie Ernährungsweise Gedanken zu machen. Schwierig wird es an der Stelle, an der die Funktion des Veganismus zur Abgrenzung gegenüber dem "Pöbel" genutzt wird oder gar als Statussymbol. Da wo das neueste Smartphone, das dickste Auto, das schönste Haus oder der größte Flachbildfernseher als Statussymbol nicht funktionieren, ist es Dummfug, etwas wie Veganismus als solchen zu nutzen und von oben herab auf Menschen zu blicken, die sich damit nicht beschäftigen. Das gleiche gilt übrigens auch für Feminismus, Yoga, Cleaneating oder Low Waste, wo ich ähnliche Tendenzen vermute. Mir ist durchaus bewusst, dass es ein Privileg ist, diese Lebensweise zu führen. Aus vielerlei Hinsicht. Der finanziellen Aspekt spielt dabei allerdings keine Rolle. Vegan leben, geht auch mit wenig Geld. Vegan (oder auch Feminismus, Yoga, Low Waste und Cleaneating) als Trend ist ja erstmal nichts Schlechtes, doch dabei darf man die tieferen und weiteren Dimensionen nicht vergessen.


 Nicht zu vergessen dabei ist, dass weniger privilegierte Menschen sich die Trends der Privilegierten auch immer abgeschaut und angestrebt haben. Da liegt eine große Chance und die sollte man nicht vertun. Vegan und Co. machen einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen, aber eine bedachte Demonstration all dessen kann helfen, die Welt zu verändern. Das sollte man immer mal im Hinterstübchen behalten.


 Die blauen Geschirrtücher gehen heute noch in die Donnerstagssammlung, bleiben aber bei mir. Die hellen habe ich dem Holzwurm geschenkt, der das vermutlich alles ähnlich sieht. Backt einen veganen Kuchen und gebt euren Nachbarsmenschen was davon ab.  Das schmeckt dann gleich nochmal so gut. Redet drüber, aber verhaltet euch nicht wie Besserwissende, die meinen das Rad erfunden zu haben. Nomm!

Kommentare:

  1. Nomm, nomm - die Tücher sind wunderbar und es wird gar nicht langweilig, deine bestickten WErke zu sehen oder deine Worte über Vegan und Veganismus und sonstige ismen zu lesen! Danke für die Einsichten.
    LG. susanne

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  2. Hm, Du schreibst: "Anständig durchgezogen, demonstriert sie (die vegane Lebensart) im Zweifelsfall einen hohen Bildungsgrad ...) und vermeidest Diskussionen die Du als "dämmlich" klassifizierst.

    Da schwingt, wahrscheinlich ungewollt, in jedem zweiten Satz schon so ein klein wenig eine moralische Überlegenheit durch. Der für nicht-vegane Menschen wahrscheinlich mehr als unlogische Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher und landschaftlicher Nutzung von Tieren und der Nutzung eines Smartphones ist auch nicht gerade förderlich um einen normalen zwischenmenschlichen Umgang mit Nicht-Veganern zu pflegen.

    Wie stehst Du eigentlich zur Befreiung von Tieren aus der Gefangenschaft, auch wenn diese in der Wildnis nicht überlebensfähig sind oder Schaden an der heimischen Tierwelt anrichten?
    Ein Beispiel ist die Freilassung von Minks, einer amerikanischen Nerzart aus Pelztierfarmen, die den einheimischen Europäischen Nerz fast vollständig verdrängt hat.

    Mittlerweile weiss ich, dass z.B. Pferde in einem Wildpark überall auf der Welt auch nur ein Art von Tier-Haltung durch den Menschen ist. Ohne den Eingriff des Menschen würden diese Pferde wahrscheinlich nicht überleben. Der Natur ist das nun mal schlichtweg egal wenn eine Art oder ein Tier (aus-)stirbt bzw. ist es das Wesen der Natur zu selektieren und eine Auslese vorzunehmen.

    Dem Inuit und den Ureinwohnern in der mongolischen Steppe werden wir auch keine vegane Lebensweise einreden können. Die würden dann schlicht verhungern.

    Manche gelegentliche Fleischfresser beschäftigen sich krass nachhaltig mit der Thematik und auch mit den langfristigen Folgen des Klimawandels auf unsere Ernährung. Bei zunehmenden Dürre- und Regenperioden wird es schwierig werden die immer noch sich vergrößernde Weltbevölkerung bei gleichbleibenen landwirtschaftlichen Flächen satt zu bekommen, ob mit oder ohne tierischen Erzeugnissen. Sich damit auseinander zu setzen und Lösungsansätze zu formulieren würde einer humanen Grundhaltung Ausdruck verleihen - stattdessen grenzen wir uns oftmals lieber ab. Das finde ich schade!

    Für mehr realistische Sichtweisen und kritisches Denken! Gegen das Lobhuddeln in der eigenen (veganen) Filterblase!

    Solidarische Grüße!

    Ein wenig mehr

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    1. spannend, dass du das mit den ureinwohnern ansprichst. da sehe ich allerdings noch eine weitere variante: natürlich kann man in der mongolei oder in der arktis keinen ackerbau betreiben. das zusammenleben mit tieren und deren nutzung läuft aber dort auf einem ganz anderen niveau als in industrieländern. es wird gezüchtet und geschlachtet, was zum (über)leben notwendig ist. nicht wie in dem perversen ausmaß auf kosten der tiere beispielsweise hierzulande. ich war tatsächlich schon in der mongolei und auch in nepal. auf diesen reisen konnte ich einiges über ein anderes verhältnis von mensch und tier im zusammenhang von nahrungsgewinnung lernen. ich denke aber nicht, dass ein mensch einer industrienation zwangsläufig fleisch oder andere tierprodukte- ergo totes, gequältes, ausgebeutetes lebewesen- zum überleben braucht.
      auf der anderen seite ist das natürlich auch mal wieder eine machtfrage. fleisch lange zeit als statussymbol, beherrschte klasse wollte sein wie herrschende klasse, fleischkonsum wurde ausgebaut, industrie für tierprodukte wuchs, überproduktion, leid von lebewesen wird in kauf genommen um vermeintliche macht zu demonstrieren... blabla. kulturhistorie der nahrungsmittelproduktion usw. usf. konsum von fleisch und tierprodukten ist ein grund für viele zivilisationskrankheiten, antibiotikaresistenzen usw. argh, es gibt zu viele gründe, die gegen konsum tierischer produkte in der westlichen welt sprechen. ich werde es niemals schaffen, den einen blogeintrag zu schreiben, der all das berücksichtigt. das schaffen noch nicht einmal die einschlägig bekannten bücher... in anbetracht der tatasache, wie oft man allerdings für vegane lebensweise angepöbelt wird, eine diskussion de facto meistens darauf hinausläuft, dass fleischessende sich verteidigen, darf ich müde sein und mich dem entziehen. von zehn diskussionen um die vegane lebensweise enden neun damit.
      gruß,
      jule*

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    2. Machtfrage? Statussymbol? Da wo ich herkomme, wurde im Winter schlicht ein Schwein geschlachtet, welches das ganze Jahr über mit Abfällen gefüttert wurde, damit es überhaupt was zu essen auf den Tisch kommt.

      Macht über Lebenwesen ... Pflanzen sind auch Lebewesen (an denen auch noch haufenweise Bestandteile tierischen Ursprungs dran baumeln, welche wir dann aber auch einfach mitverspeisen). Wir unterscheiden ja auch zwischen Kühen als Lebewesen oder kleinen Schnecken, Würmern und Käfern die auf unserer Nahrung hocken und wahrscheinlich nicht darauf scharf sind von unserer Magensäure zersetzt zu werden. Juckt uns aber auch nicht. Irgendwie ist mir selbst meine eigene Argumentation pro vegan manchmal ein bißchen dünn und unsinnig bzw. suche ich den logischen Zusammemhamg. Aber ich denke ein paar Selbstzweifeln am eigenen Handeln kann uns allen nicht schaden.

      Der Konsum von tierischen Produkten an sich hat (auch wenn ich früher genau das auch immer behauptet habe) keine negativen Auswirkungen auf den Menschen, sondern lediglich der übermäßige Konsom. Eine ausgewogene (nicht einseitige) Ernährung ist für alle Ernährungsarten sinnvoll. Ich habe selbst auch schon einige vegane Mitstreiter mit ernährungsbedingten Mangelerscheinungen erlebt. Die haben sich halt nicht ausgewogen vegan ernährt.

      Ein schönes Wochenende Dir.

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