Donnerstag, 22. März 2018

Multifunktionsfähnchen (nicht nur) gegen Faschos


 Ich habe ein neues Multifunktionsfähnchen. Politisches Zeichen setzen auf Demos ist natürlich unbedingt wichtig. Zudem immer ein gutes Wiederfindungsmittel, sollte man auf einer Demo mal seine Bezugsgruppe verlieren. Transparente sind super, aber auch immer ein bisschen unhandlich. Meine letzte Packung Pfefferspray bekam ich in Frankfurt bei den Protesten gegen Studiengebühren ab, weil ich das selbstbemalte Transpi nicht loslassen und wegrennen wollte. In Hamburg ist es immer viel zu windig, um große Transpis zu tragen, es sei denn, mensch wickelt sie um einen Lautsprecherwagen oder einen kompletten Block. Darum immer Fähnchen. Mein Bunt statt Braun Fähnchen erschien mir irgendwie zu harmlos, das Fähnchen zum letztjährigen 1. Mai zu farblos und klein. Zur United We Stand Demo gegen die Repression nach G20 gab es daher ein neues. Lange Stange dran, mehr Farbe, deutliches Symbol. Stoffmalfarbe auf rotem Grund. Und es macht sich fantastisch und funktioniert auch bei den beknackten "Merkel muss weg muss weg"- Demos Montags. 


 Und dazu fiel mir am Dienstag kurz nach der Veröffentlichung des "Barista, Barista, Antifascista!" Posts noch ein Nachschlag ein. Ich ärgere mich über sowas ja immer ein bisschen, wenn die Ideen erst nach Veröffentlichung eines Posts hochkochen. Diese Montagsdemos in Hamburg mögen das befeuert haben. Für alle diejenigen, die nicht so auf dem Laufenden sind: Montags versammelt sich so ein Häuflein brauner Menschen in Hamburg. Zunächst nur eine Person, so wuchs die Menge im Laufe der letzten Wochen doch gerne mal auf über 200 an. Erst nur "harmlose, besorgte Bürger_innen", mittlerweile Schlandfahnenschwingende und "Deutschland! Deutschland" skandierende Faschos. Selbst der Veraffungsschutz warnt schon vor der Anhängerschaft dieser Versammlung. Dagegen stellen sich seit nunmehr fast sieben (!!!) Wochen, ein "paar" Menschen quer. Ein "paar" Menschen nenne ich 800- 1000. Das waren so die Maßzahlen, die man der Presse entnehmen konnte. Ich stehe dann immer da und denke: "Das hier ist eine Stadt mit 2,7 Millionen Menschen und da kommen nur 800 am Montagabend mal raus auf die Straße!?! Was ist da los? Und komm mir jetzt keiner mit Wetter!" 


 Das ist so eine Sache, die ich in den letzten 20 Jahren, die ich schon gegen Faschismus auf die Straße gehe NIE verstanden habe. Da stehen die Nazis auf der Straße und können tun was sie wollen. Da geht es gegen Schutzsuchende, gegen homosexuelle Menschen, gegen Gleichberechtigung von Geschlechtern, gegen Demokratie, Meinungsfreiheit, Andersdenkende und alternative Lebensweisen. Dooferweise bin ich nicht so ganz up to date, was deren Meinung zum Thema Menschen mit Behinderung angeht, aber da haben sie sicherlich auch noch ein paar unschöne Dinge im Ärmel. Selbst die Menschen in meinem Umfeld, die nicht sonderlich politisch Interessiert sind, müssten da eine Menge Einschnitte ihrer Lebensweise in Kauf nehmen, wenn diese Forderungen zum tragen kommen. Wir leben in einem Land, das auf unschönste Weise mitbekommen hat, was diese Forderungen auslösen können. Die Zeitzeugengeneration wird bald verstummen, aber so etwas darf nicht wieder passieren. Die meisten Menschen mit denen ich so in Kontakt bin, sind sich darüber ziemlich einig. Nach der letzten Bundestagswahl schauten viele beschämt weg. Montagabends sitzen sie auf dem Sofa.


 Natürlich hatte niemand Schuld. Aber mal aufstehen, den Rücken gerade machen, Stellung beziehen, demokratische Werte und Errungeschaften leben und verteidigen, das kommt den wenigsten in den Sinn. Wo bist du Montags Hamburg? Wo bist du an jedem scheißverdammten Tag, an dem die Faschos von der Bullizei gechützt, durch deine Stadt- egal wo- laufen? Was ist deine verdammte Entschuldigung, die Zähne nicht auseinanderzubekommen? Da wird einem dann gesagt, das würde einen ja nicht betreffen, das seien ja nur so wenige. Aber es werden mehr. Es betrifft dich, oh ja. Egal ob du homosexuell bist, Frau, Mann, Queer, alt oder jung, arbeitslos, einen deutschen Pass hast oder nicht. Man könnte jetzt mit soziokulturellem Hintergrund argumentieren. Aber es gibt so viele Menschen, die sich auf ihren kackademischen Status einen runterholen, meinen klug zu sein, aber so dumm handeln, in dem sie in diesem Fall eben nicht handeln.


 Faschismus gehört im Keim erstickt, sich ihm in den Weg gestellt. Faschismus bedroht alle und noch mehr. Im Zweifel frage dich immer, in welcher Welt deine Kinder aufwachsen sollen, bzw. warum du sie in die Welt gesetzt hast (das ist ja immer meine liebste Triumpfkarte). Vielleicht werde ich keine Weltordnung mehr miterleben, an der ich einfach mal die Füße hochlegen kann, aber dem Faschismus werde ich mich entgegenstellen, bis ich tot umfalle. Sonst könnte ich nachts nicht mehr ruhig schlafen. Vor einiger Zeit fragte ich mich noch, wie mutig ich wirklich wäre... diese Montagsdemos haben auf jeden Fall so viel Wut auf die Faschos und all diejenigen gezüchtet, die schweigend und faul zusehen, dass ich seit neuestem eine Menge Mut habe. 


 Wofür ich allerdings noch nie Mut brauchte ist die klare Aussage, dass wer sich den Faschos nicht in den Weg stellt, diese unterstützt und damit selber einer ist. Schweigen ist auch eine Form von Zustimmung und Akzeptanz. Und ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster: Mangelndes Engagement für Demokratie und damit die maßgebliche Zerstörung eben jener, prangerte selbst der Bundespräsident diese Woche an. Da kann ich ja nur zustimmen. Also liebe Leute: Tut was! Faschismus würde sich als Einstieg hier gerade anbieten. In Hamburg trifft man sich auch am kommenden Montag von 19h- 20h wieder am Bahnhof Dammtor unter dem Motto "Mal kurz nach den Rechten schauen Vol. 7" auf der linken Seite. Die eine Stunde gegen rechts wird ja wohl drin sein. Minimalengagement nenne ich das. Und all jene, die sich dann wieder beschweren, dass der Bahnverkehr zum Erliegen gekommen ist, weil ein paar Menschen mutigerweise die Gleise besetzt haben, denen erzähle ich dann bei Gelegenheit gerne nochmal was zum Thema ziviler Ungehorsam. Stichworte wären dann sowas wie: Sinn von Demonstration, Blockade, Außenwirkung, Sichtbarmachung, und vermutlich noch einiges mehr, was mir nach Veröffentlichung dieses Beitrags einfallen wird... Ein paar Takte zum vermeintlichen Gewaltpotential auf diesen Demos erzähle ich dann auch gerne noch. Gerne am Montag, wo es eher friedlich zugeht. Ich bin da, mein Fähnchen auch. Und nicht nur da.


 Eigentlich sollte diese Fahne zuerst ein kleines Demo 1x1 illustrieren. Das kommt dann ein anderes Mal. In die Politisierungssammlung muss das auf jeden Fall und weil das mein Fähnchen ist, darf das heute noch in die Donnerstagssammlung. Für nen bisschen Pöbelei in der "DIY-Wohlfühlbloggendenszene". Vielleicht kann mir mal irgendwer erklären, warum es diese vermeintlich klugen Menschen gibt, die sich der braunen Suppe auf den Straßen nicht entgegen stellt. Ich weiß es nicht und kann es auch nicht verstehen.

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