Dienstag, 31. Juli 2018

Seenotrettung ist kein Verbrechen


 Verganenen Sonntag war Tag der Seenotrettung. Orange ist die Farbe der Seenotrettung. Orange ist eine traurige Farbe. Orange ist jetzt auch eine politische Farbe. Das hat nichts mit der Partei der Piraten zu tun. Orange ist die Farbe der Rettungswesten, die so viele Schutzsuchende gerade wieder tragen müssen. Auf ihrem gefährlichen Weg über das Mittelmeer ins vermeintlich freundliche, hoffnungsvolle Europa. Viele sterben dabei. Ertrunken, weil die Boote zu voll sind, zu wenig Sprit im Tank haben oder einfach alt und kaputt sind. Menschen! Ertrinken! Vor! Den! Grenzen!!! Europas!!! 


 Die Fluchtgründe und -ursachen sind von Europa hausgemacht. Kolonialismus, Ausbeutung der Ressourcen, fehlgeleitete Entwicklungshilfe, Kriegsmanipulation, Waffenexporte.... Doch Europa macht die Grenzen dicht und wägt sich in Unschuld. Es wird in Länder abgeschoben, für die für Menschen mit deutschem Pass eindeutige Aufenthaltswarnungen existieren. Beispielsweise Afghanistan: Horst(!!!) freut sich, dass zu seinem 69 Geburtstag 69 Schutzsuchende dorthin abgeschoben wurden. Die deutsche Botschaft dort "bleibt für den Besucherverkehr bis auf weiteres geschlossen" (Zitat hier). Das will mal was heißen. Einer der Abgeschobenen lebte lange in Hamburg und hat sich in Afghanistan das Leben genommen. Und das nennt sich CHRIST SOZIAL!!!!! Schäm dich, Horst! Schäm dich Europa!


 Und was ist mit den Menschen auf dem Mittelmeer? Niemand von denen kann wie Jesus übers Wasser gehen. Da geraten Menschen in Seenot und niemand kann und darf ihnen helfen. Bei den Geschichten, die bei den Kundgebungen und Demonstrationen für die Seenotrettung (u.a. Sea-Watch) erzählt werden, sind mehr als gruselig. Da hängen die Rettungsschiffe von Sea-Watch in den Häfen fest, da werden Kapitäne vor Gericht gestellt, weil sie Menschen geholfen haben. Menschen dürfen von Containerschiffen nicht an Land gebracht werden. Selbst die Reedereien laufen mittlerweile Sturm gegen diese fehlgeleitete Grenzpolitik (vermutlich auch aus wirtschaftlichen Gründen, aber was solls). Da haben wir vor einigen Monaten noch um den Zusammenhalt von Eurpoa gebangt und mittlerweile kehrt es seine zweifelhafte Seite ganz großartig hervor....


 Und irgendwie wollte ich den Bogen jetzt noch zur emotionalen Dimension von politischem Engagement drehen. Ich mache das mal ganz subjektiv: Ich könne heulen und schreien vor Wut. Die erste Demo für Sea-Watch vor einigen Wochen, hat mich ernsthaft mitgenommen. Es ist doch was anderes, wenn dir Menschen ihre Geschichte erzählen, die wirklich es übers Meer bis nach Hamburg geschafft haben. Da stand ich da als deppertes Wohlstandskind, dass sich gerne mal auf die Fähren nach Skandinavien wirft und sich auf den Urlaub freut. Ich war über diese Emotionen erst echt erstaunt und habe nachgedacht. Es ist etwas anderes, sich Faschos in den Weg zu stellen, gegen ihre Kundgebungen und Hasshetze anzuschreien. Aber da mit mehreren tausend Menschen zu stehen, eine Schweigeminute für die Hunderte von ertrunkenen Menschen zu halten... Uff. Traurig, verdammt hilflos, den Sinn des dort Flagge zeigen und Klatschen anzweifeln, fast verschämt ein paar Euro in die Sammelbüchse werfen. Vor allem diese Hilflosigkeit ist die bekackteste Emotion überhaupt. Man könnte meinen, ich hätte mittlerweile genug Lebenserfahrung gesammelt, um mich davon abzugrenzen, aber NEIN! Abgrenzen, was für ein Stichwort in diesem Zusammenhang. Man könnte dann auch sagen: "Was bringt es, wenn eine sich dagegenstellt?", aber das denken zu viele. Und wenn das nicht so viele denken würden, dann wäre das was anderes. Vielleicht sind diese Emotionen auch hilfreich.

  Erinnert ihr euch noch an dieses Bild von Little John im Rettungsring? Das ist schon fast zwei Jahre alt. Aus einem lustigen Spiel wurde damals bitterer Ernst. Ich konnte und wollte es den Kindern damals nicht erklären, warum mich dieses Bild hat stocken lassen. Aber was werde ich ihnen in ein paar Jahren erzählen, wenn sie mich fragen, was ich dagegen getan habe. Oder eben FÜR diese Menschen....? Irgendwann werden wir mit den Kindern darüber reden müssen und spätestens dann wird die Verantwortung, die jeder Mensch trägt wohl deutlich.


 Das Fähnchen ist einfach: Der orangeste Stoff, den ich im Fundus hatte, Herzchen fand ich zusätzlich hilfreich, Stoffmalstifte, Nadel und Faden. Kann auch auf eine Stange gezogen werden. Dieses Fähnchen ist aber auch nur schäbbiger Kackscheiß im Gegensatz zu dem, was die Menschen im und um das Mittelmeer gerade so leisten. Sowohl die Schutzsuchenden, als auch die Rettungswilligen. Aber irgendwasirgendwas MUSS! Seenotrettung ist kein Verbrechen und wenn ich hierzulande auf die Straße gehe und diesen Regierenden sage, was ich von ihrem Handeln halte, dann ist das wenigstens mehr als gar nichts. Die offensichtliche und gefühlte Hilflosigkeit darf keine Entschuldigung dafür werden, nichts zu tun. Niemals! Sie darf nicht in Resignation enden. Ja, es kostet Energie, es raubt Lebensmut. Aber wenn wir nicht die Hoffnung der Hoffnungslosen sind, wer ist es dann? Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämoft hat schon verloren. Ich nehme mir jeden Morgen beim Blick in den Spiegel vor: "Heute wieder so wenig Arschloch wie möglich sein, auch wenn es anstrengend wird. Denn morgen möchte ich mir wenigstens ohne schlechtes Gewissen in den Spiegel schauen."

 Informationen zu Aktionen und Kundgebungen zum Thema findet ihr bei seebrücke.org

 Wegen des Fähnchens darf das heute noch in die Dienstagssammlung.

Kommentare:

  1. Es ist ein ganz trauriger Post, macht er doch unser ganzes Versagen klar.
    Astrid

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    1. versagen. ja. das wort hat mir gefehlt. aber mir fehlen bei diesem umstand so viele worte, dass ich es gar nicht in worte fassen kann...
      liebste grüße,
      jule*

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  2. Du hast völlig recht, Jule.
    Es gibt immer etwas, das man tun kann. Jeder kann was tun und etwas Kraft und Energie für eine bessere Welt einsetzen. Das kann wirklich jeder. Wenn man sich einfach mal ein bisschen umschaut, sieht man genau, wo Hilfe gebraucht wird.
    Ich war neulich so schokiert über eine Reportage im 1.,darüber dass Rettungskräfte jeglicher Art bei ihrer Arbeit sehr oft angegangen, angepöbelt oder sogar extreme Gewalt entgegen gebracht wird. Bei der Seenotrettung wird es nicht anders sein. Unterstütze sie weiterhin!
    Liebe Grüße an dich, Angela

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    1. danke. wir alle müssen dringend etwas tun.
      liebst,
      jule*

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  3. Diese Hilflosigkeit bei diesem Thema fühle ich auch sehr - da ist mir auch nach Heulen und Schreien. Umsomehr wird aber auch wieder deutlich, dass wir am System was ändern müssen, und das wird sehr schwer.

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    1. das war es schon immer. aber nur weil ein weg schwer ist, heißt das ja nicht, dass man sich nicht passendes schuhwerk anziehen kann und es versuchen sollte. und wenn man nur einen meter vorwärts kommt, dann ist es eben nur ein meter. besser als keiner.
      liebe grüße,
      jule*

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  4. I feel you.
    Meine Teilnahme an der Seenotrettungsdemo in Berlin ist jetzt schon wieder einige Wochen her. Sie war groß, aber gleichzeitig so...ja, hilflos. Im Moment fühlt sich so vieles so zwecklos und klein an im Vergleich zur großen Scheißigkeit der Welt im Allgemeinen und diversen nationalistischen Umtrieben im Besonderen.

    Aber gar nichts tun ist ja auch keine Lösung - jedenfalls solange die eigene Energie gerade ausreicht, um mehr zu tun, als sich selbst irgendwie durch den Tag zu bringen.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    1. genau! und wut ist ja auch immer so ein toller antriebsmotor...
      liebste rgüße,
      jule*

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