"Du bist so eine starke Frau!", in den letzten Jahren musste ich mir das öfter mal anhören. Und ich kann es nicht mehr hören. Es ist mal wieder so ein "Kompliment", welches ich nicht mehr hören möchte. Es verhält sich mit diesem Attribut der "starken Frau" so ähnlich wie mit Komplimenten zu meiner Figur. Denn so ähnlich wie für meine Figur kann ich nichts für meine Stärke. Es ist nichts, was ich mir ausgesucht habe. Ich musste so oft so stark sein, sonst wäre ich vor die Hunde gegagenen. "Du bist so eine starke Frau!" könnte in meinem Fall auch gleichgesetzt werden mit "Unglaublich, dass du atmest." An dieser Stelle könnte ich jetzt der Frage nachgehen, warum Männer das eher seltener zu hören bekommen. Aber darum soll es heute nicht gehen. Mein Blog, meine Regeln.
Ich lebe seit 20 Jahren alleine. Ein bisschen WG- Zeit, ein paar wenige Freundesmenschen, Affären hier und da, Freundschaft Plus und sonstige Agreements. Aber nichts, was irgendwie was mit einem gemeinsamen Leben oder Alltag zu tun hatte. Warum das im Zusammenhang der "starken Frau" wichtig ist? Ich bin in vielen Situationen meines Lebens auf mich gestellt. Die kleinen Krisen wie kaputter Kühlschrank oder PC bis hin zu Todesfällen oder Hochzeitsfeiern. Wenn ich nicht selbst aktiv werde, bekomme ich keine Unterstützung, keinen Beistand, keine Hilfe, keine Begleitung. Und wenn ich aktiv werde, dann muss ich auch noch das Glück haben, dass jemand zufällig Zeit oder Muse oder Können für mein Problem hat. Wenn es mir gut geht, bekommt das keiner mit, wenn es mir schlecht geht auch nicht. Es feierte niemand mit mir einfach so meine Examen, meine neuen Jobs, meine Geburtstage, meine großen und kleinen Erfolge. Es steht keiner an meiner Seite, wenn ich angepöbelt oder von Faschisten bedroht werde oder doofe Dinge hinter meinem Rücken über mich verbreitet werden. Niemand solidarisierte sich mit mir, stellte sich an meine Seite oder gar vor mich. Meistens war ich in diesen Situationen alleine, andernfalls hat jemand anders die Zähne nicht auseinanderbekommen. Vielleicht hatte ich Glück und bekam hinterher jemanden ans Telefon für Kummer und Freude, wenn nicht gerade die Kinder ins Bett oder Lebensabschnittsbegleitungsmensch bekocht oder gelüftet werden musste.
Meistens war es eher so "Arschbacken zusammenkneifen und selber regeln". Meistens ist es in Krisen dann ja auch so, dass die Krise schon so viel Energie zieht, dass man auch nicht in der Lage ist, sich irgendwo Hilfe zu holen. Und wenn dann eben nicht zufällig jemand vorbeikommt oder gar mit einem zusammenlebt aus Bereitschaft gegenseitiger Verantwortung und Fürsorge, dann muss man eben stark sein. Da hilft ja im wahrsten Sinne des Wortes wirklich nichts. Und ganz ehrlich: Ich möchte keine starke Frau (mehr) sein. Nach 20 Jahren alleine, merke ich auch zunehmend, dass mir die Puste ausgeht. Eigentlich ist sie schon seit knapp zwei Jahren aus. Dabei versuche ich das Gefühl, zu vermeiden, mich wie eine Verräterin am Feminismus zu fühlen. Eine Frau, die nicht ohne Kerl kann, eine Single, die nicht glücklich ist. Aber ich denke nach 20 Jahren, darf ich jetzt auch einfach mal fertig bis zum Anschlag und nicht mehr stark sein. Oh und komme mir bitte jetzt niemand mit der Bedeutsamkeit und Hilfe durch gute Freundschaften, einem Hund, Katzen oder einer WG. Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen diesen Dingen und einer (Liebes-)Beziehung (ahne ich).
Der Lockdown, das Homeschooling, das physical distancing entspannten mich da tatsächlich extrem. Ich musste nicht aushalten, mich nicht zusammenreißen, weil ich doofen Menschen begegnen musste. Musste nicht raus und all die happy Menschen sehen, bekam nicht ständig unter die Nase gerieben, was hier fehlt. Musste keine Menschen treffen, die mir RatSCHLÄGE geben, konnte bei mir und meinen Gefühlen bleiben. Musste mir nicht sagen lassen, dass ich ja so eine starke Frau sei. Oder dass ich aus dieser Situation ja nur gestärkt rausgehen werde.
Vor allem bin ich der Gefahr entronnen, nochmal so Menschen wie in den letzten Jahren zu treffen. So Menschen, die sich an meiner Stärke bedienen, sie konsumieren, mich auslutschen und dann sang- und klanglos verschwinden oder maximal noch eine Textnachricht hinterlassen. Menschen die sich das Beste von mir krallen. Ja, auch dumm von mir das zuzulassen. Aber diese Menschen waren und sind geschickt. Sie schmierten mir Honig ums Maul, machten kleine Dinge gut. Viele von ihnen machten mir dieses "starke Frau" Kompliment, äußerten ihre Bewunderung darüber. Es entbindet sie davon, selber stark zu sein, weil ich es ja bin.
Ich möchte nicht stark sein. Nicht stark sein müssen. Ich möchte auch mal schwach sein dürfen. Ich möchte mal für meine schwachen Seiten geliebt werden. Für´s Da(-)sein, nicht für´s Tun. Ich möchte mal gemocht und geliebt werden, ohne was dafür tun zu müssen. Ich möchte nicht mehr stark sein und kämpfen (müssen), sondern lieben dürfen. Ich kann es auch nicht mehr. Ich würde mir wünschen, dass auch mal jemand anderes (für mich) stark ist. Sich solidarisiert, hinter mir oder an meiner Seite steht. Sich bestenfalls auch mal vor mich stellt. Ich habe so viel Scheiße erlebt, die mich gezwungen hat, stark zu sein. Wäre ich nicht stark gewesen, geblieben, hätte ich auch aufhören können zu atmen. Und irgendwie komme ich mir schon beim Tippen dieser Zeilen wieder doof vor, weil sie so viel Stärke erfordern, von der ich das Gefühl habe, dass sie gar nicht mehr da ist.
Was ich sagen will: Es gibt so viele starke Menschen. Aber meistens weiß man gar nicht, warum diese Menschen so stark sind. Was sie durchgemacht haben, was sie durchmachen mussten. Vielleicht fragt ihr mal lieber, ob diese starken Menschen erzählen möchten, was sie so stark gemacht hat. Da gibt es dann eine Menge zu entdecken. Vieles davon wird sicherlich nicht schön sein, aber es wird lehrreich sein und vielleicht steckt hinter dieser Stärke und den damit verbundenen Geschichten ein Mensch, für den es sich lohnt stark zu sein. Und vielleicht kann dieser Mensch dann einfach mal wieder atmen. Mich dürft ihr auch gerne fragen, aber bewundert niemals meine Stärke, denn dahinter stehen eine ganze Menge gruseliger Geschichten. Darum möchte ich auch kein Vorbild sein. Die meisten meiner Geschichten wünsche ich keinem. Ich würde mich auch gerne mal einfach so durchflauschen, statt durchboxen. So wie mit meinem neuen Flauschschal. Vielleicht hilft der vorerst auch einfach, um mich warm anzuziehen, gegen all das, was mich kämpfen lassen muss....


















































