Samstag, 6. Juni 2020

Samstagskaffee # 13. 2020


  Dumm, dumm, dumm. Nein, das ist kein Liedtext oder so, eher mein Lebensgefühl. Nicht besonders blitzlicht- und vermutlich auch nicht samstagskaffeerundentauglich. Ich fühle mich verarscht. Ich könnte jetzt hier einen massiv frustrierten Text runterhauen, aber ich mag nicht. Ich mag nicht frustriert sein. Dieser Frust übertüncht nur schwach meine Traurigkeit. Denn das bin ich. Die aktuellen Geschehnisse, die da so reingespült werden, machen es nicht besser. Was ist los da draußen? Menschen fangen an zu denken, weil es gerade keine andere Ablenkung gibt. Herzlichen Glückwunsch und willkommen in meiner Welt. Und auf einmal sind alle auf dem Antirassismustrip. Ach und diese furchtbaren Zustände in Schlachthäusern, Bullizeigewalt, Gewalt gegen Frauen, sexuelle Belästigung und Klima und bla. Alles ganz schlimm. Schrecklich. Vorher nie dagewesen. Jaja.


 Ich fühle mich verarscht. So oft bin ich für all diese Anmerkungen, die ich seit Jahren zu dem Thema ablasse, abgewiegelt, angepöbelt, bespuckt und bedroht worden. Wurde ausgegrenzt als Spielverderberin oder alleine gelassen. Wurde mein Engagement zu diesen Themen belächelt. Wurde sitzen gelassen, weil man mit mir ja "nicht mithalten" könne oder weil meine Stärke "Angst macht". Mir wurde gesagt, ich würde zu viel denken. Vermutlich fühle ich auch zu viel. Und jetzt haben diese ganzen Arschkrampen auf einmal die Erleuchtung und sind bessere Menschen? Es fällt mir schwer, da noch geduldig zu bleiben und mich über ihre "neuen" Erkenntnisse zu freuen. Es fällt mir schwer, darauf zu hoffen, dass die entsprechenden Demos nun vielleicht besser besucht werden... Eher spült es all dieses beschissenen Gefühle in mir hoch, die ich immer in den Situationen hatte, als ich mich für meine vermeintliche Radikalität und Schonungslosigkeit gedisst wurde. Wenn ich dann noch anfange meinen Privilegiencheck zu machen, wird es nur noch schlimmer. Denn was weine ich hier eigentlich rum? Weiß, nicht behindert, cis- weiblich, heteroromantisch, gebildet, mit einem gut bezahlten Job, der krisenfest ist. Habe ich genug getan? Gegen alltäglichen Rassismus, für Seenotrettung hier und hier, gegen Homophobie. Dumm, dumm, dumm.


  Dünnhäutig bin ich. Zweifelnd. Mutlos, hoffnungslos. Da liegt noch der Sommer vor der Wohnungstüre und wird auch bald loslegen. Die letzten drei Sommer waren eher nicht so der Kracher und ich bin echt schissig, dass dieser kommende auch irgendwas Fieses in der Hinterhand hat. Dabei ist in der vergangenen Woche auch etwas so schönes passiert. Das geht gerade so ein bisschen unter. Da liegen noch so zwei bis drei angefangene Blogbeiträge von denen ich nicht weiß, ob ich mutig genug bin, sie zu veröffentlichen, obwohl sie vielleicht wichtig und hilfreich und auch schön wären. Ich bin nicht frustriert. Ich bin traurig. Ich habe keine Lust mehr die Arschbacken zusammen zu klemmen und die Zähne zusammen zu beißen. Aber was tun muss mensch ja. Darum lautet mein Motto heute auf der Demo einfach: Müde, resigniert und trotzdem da, depressive Antifa.


7 Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Plötzlich sind sie alle politisch...Ich wünsche Dir viel Kraft, nicht aufgeben. ♥nic

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  2. Liebe Jule,
    wir können nur versuchen, mit den Menschen in unserem Umfeld und uns selbst gut umzugehen. Und das heißt für mich zur Zeit: Kuchen/Kekse backen und verschenken,
    Blumen kaufen und Wechselgeld schenken - meine "Blumenfrau" muß unterstützt werden. Gutes Trinkgeld beim Friseur und besonders freundlich sein zu allen. Briefe und ausführliche mails schreiben - telefonieren usw. - das tut mir auch selbst gut.
    Wir können die Welt nur im ganz Kleinen verändern: Es nützt niemandem etwas, wenn wir am "zuviel Wollen" scheitern und in Schwermut versinken.
    Ich wünsche dir, daß du aus der Traurigkeit herausfindest, Liebe Grüße, Gundula

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  3. Liebe Jule,
    danke, dass du das so aufschreibst und hier veröffentlichst. Hab ich diese Woche auch schon mehrmals gedacht. Und das Motto find ich sehr treffend für viele Situationen. Trotzdem dableiben ist gut! Gruß, A*

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  4. Manchmal ist Da-bleiben das einzige, was noch möglich ist. Und das ist sehr viel, in Konflikten da zu bleiben und nicht abzubrechen. Ich wünsche Dir alles Gute und denke auch so, wie Du es beschrieben hast. Alles wird kommerzialisiert im Kapitalismus, auch das Ach-so-anti-rassistisch-Sein...
    Von Juliane (stille Leserin) an Jule

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