Donnerstag, 11. Oktober 2018

Pöbeln, Angst und Mut


 Triggerwarnung: Verbale, sexualisierte Gewalt


 Es war kein leichtes Jahr das letzte. Es hatte mich bekanntermaßen zwischenzeitlich ziemlich ausgenocked. Und irgendwie hatte ich so ein bisschen den Eindruck, dass wenn man irgendwie schon so auf dem Zahnfleisch durchs Leben kriecht, andere das riechen und es nochmals ordentlich ausnutzen wollen, um ihre eigene Pseudostärke zu bestätigen. Da gab es unschöne Szenen in Bereichen meines Lebens, die eigentlich dazu dienen sollten, mich wieder ein bisschen aufzupolieren. Sehr unschöne Szenen. Ich muss sie mal loswerden. Ein Auswahl. Für meine Seele. Vielleicht auch zu Illustrationszwecken. Vielleicht erkennt sich jemand da draußen wieder und fühlt sich dann nicht mehr ganz so alleine. 

 - Nachts in einer Hamburger Kneipe in Kieznähe. Ein Typ rempelt mich im Gedränge an. Mein Bier gerät so stark ins Wanken, dass es überschäumt. Ich setze die Flasche schnell an, um den Schaum aufzufangen, um nichts zu verschütten, niemanden zu bekleckern. Typ: "Ja, schluck Schlampe." Die Umstehenden müssen das mitbekommen haben. Schweigen. Meine Reaktion: Ich verlasse den Laden. Fange mir ein Taxi und fahre nach hause. Hilflosigkeit.

- Nachts unter der Woche an der Hafenpromenande. Ich bin auf dem Weg zur U- Bahn. Ich war vorher auf einem fabelhaften Konzert, das mich hat lächeln und tanzen lassen. Drei Typen kommen mir auf dem Weg entgegen. Normal. Doch im Vorbeigehen: "Hej Süße! Was geht für´n Zehner?" Ich denke: "Ein paar auf´s Maul könnt ihr haben." Ich tue: Schweigend weitergehen, mich gegen die U-Bahn entscheiden, mir ein Taxi fangen und nach hause fahren lassen. Der schöne Abend versaut, weil hilflos.

 - Abends in einer Hamburger Kneipe, bisher netter Abend nach einem schönen Tag. Bin auf irgendwelchen Umwegen mit einem vermeintlich netten Typen ins Gespräch gekommen. Irgendwann sagt er mir unverblümt ins Gesicht: "Du und ich wir sollten weniger quatschen und mehr ficken." Meine Reaktion: Ich drehe ihm den Rücken zu und verlasse den Laden. Nach hause.

 - Ich stehe am hellichten Tag an der Kasse im Bio(!!!)laden. Habe mein liebstes Bandshirt von THE BABOON SHOW mit dem "Girls To The Front"-Print auf dem Rücken an. Typ hinter mir in der Kassenschlange mit leicht aggressivem Unterton: "Ey, verherrlichst du den Krieg oder was?" Ich drehe mich um: "Bitte?" Typ: "Na, "Girls To The Front" heißt, doch dass es Krieg geben muss. Ohne Krieg keine Fronten." Ich bin sprachlos, merke dass ich dafür alleine jetzt keine Kraft habe. Alle Umstehenden schweigen. Ich zahle meinen dringend benötigten Einkauf und gehe.


 Diese in mir schreiende Hilflosigkeit nach solchen Anpöbeleien sorgt oftmals dafür, dass mir Energie fehlt. Energie, trotz allem rauszugehen und die schönen Dinge in mein Leben zu lassen. Wie kommen diese Menschen dazu, sich so etwas herausnehmen zu können und das auch noch tun? Zwischenzeitlich überlegte ich, ob ich Angst habe? Angst, die mich dazu bewegt, dann eben doch ein teures Taxi zu zahlen, damit ich geschützt bin? Doch ich denke es war in vielen Fällen nicht primär die Angst, sondern eher die Wut. Ein schöner Abend wurde mir ruiniert und ich wollte schnellstmöglich weg vom Geschehen, dorthin wo es vielleicht keinen Spaß gibt, aber schön ist: Nach Hause. Natürlich ist da auch immer Angst. Angst an jedem verdammten Abend, dass ihn mir wieder jemand mit so einem doofen Spruch den Spaß verdirbt, Angst, dass sie mir doch mal körperlich nahe kommen, ohne dass ich das will. Ich weiß, dass ich ihnen körperlich nichts entgegen zu setzen habe und dass ich mich auf Unterstützung von Außenstehenden nicht verlassen kann. Dass ich mir im Zweifelsfall nach einer solchen Situation anhören muss, es sei ja auch meine Schuld, wenn ich mich so viel alleine draußen rumtreibe oder eben solche provokativen Shirts trage. Man ist oft alleine im Leben, wenn es gerade verdammt ungünstig ist. Aber ich will mir von der Angst diese schönen Dinge nicht nehmen lassen. Denn auf der anderen Seite der Angst steht immer der Mut. Wer keine Angst hat, kann auch nicht mutig sein. Wer keine Angst hat, dem ist einfach alles egal und dann ist es ein leichtes vermeintlich mutige Dinge zu tun. Vermeintlich Schwächere anpöbeln und zur Profilierung der eigenen Stärke auszunutzen ist am feigsten. Es ist erschreckend, dass in dem Zusammenhang schon abends rausgehen und feiern, mutig erscheint. Aber das werde ich mir nicht nehmen lassen. Es sind diese Macker. Die, die eigentlich am meisten Angst haben, die eigentlich nur in den Arm genommen werden wollen. Lasst euch doch mal in den Arm nehmen. Das wäre mutig.


 Vor wenigen Wochen war ich mit einem meiner Fußballkumpels und seiner Tochter beim Roller Derby. Seine Tochter folgte begeistert dem Bout. Der Kumpel und ich unterhielten uns darüber, dass die Mädels auf dem Track, doch so einiges wegstecken könnten. In der Unterhaltung ließ ich dann auch fallen, dass "wir Mädels" noch einiges anderes wegstecken müssten und erzählte ihm eine paar dieser Dinge, die mir so passieren. Kumpel: "Danke, mach mir Mut." Ich: "Hä?" Woraufhin er mit dem Kopf nur zu seiner Tochter zeigte, die gerade die fünf Punkte für die Harbor Girls bejubelte. Scheiße!!! Da jubelte nochmal eine ganz andere Motivation für notwendigen Mut, den ich total vergessen hatte. Mittlerweile bin ich wieder renoviert. Jetzt wird es Zeit zurück zu pöbeln. Zu kämpfen, mutig zu sein. Den Spaß lasse ich mir nicht nehmen, auch nicht die Orte. Und wenn nicht für mich, dann eben für die, die noch Frauen werden. Kämpfen wie ein Mädchen! Und ich gehe davon aus, dass ich nicht alleine bin, auch wenn es sich oft so anfühlt. Das Problem ist nicht privat. Im Zweifelsfall eben jeden Abend als Mutlied "Radio Rebelde" von THE BABOON SHOW.

18 Kommentare:

  1. Du bist nicht allein <3

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  2. Ach Frau Jule. Fühl dich gedrückt, wenn du magst.
    Ich könnte hier quasi jeden Satz unterschreiben und dann mit Ausrufezeichen markieren.

    Liebste Grüße
    Sabrina

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  3. Nein, das Problem ist nicht privat.

    Und auch, wenn es mir persönlich jetzt nicht mehr passiert - Alter macht unsichtbar, und das gibt mir ne gewisse Freiheit -, kriege ich genug mit und der arme Herr K. muss sich meine Wut auf seine Geschlechtsgenossen mit all ihrer Mackerei anhören. Die kriege ich durch Berichte jüngerer Frauen mit und weiß aus eigener leidiger Erfahrung, was die mit einem machen. Nur: Vor 50 Jahren hat man gedacht, dass sei halt so, müsse man hinnehmen. Dann hat frau endlich gefordert, dass das grundgesetzlich verbriefte Recht umgesetzt und eingehalten wird. Zur Zeit schlägt das Patriarchat aber auf höchster Ebene wie beim Fußvolk kräftig zurück und teilweise in so herabwürdigender Form, wie ich es nicht erlebt habe.
    Früher habe ich davon geträumt, dass die Nacht auch einmal uns Frauen gehören wird. Is aber nich. Aber das Wahlrecht haben wir ja auch erst seit hundert Jahren, da darf man sich nicht entmutigen lassen, ist ja wahrlich kein Zeitraum.
    Was mich so wütend macht, ist, dass meinen fünf wunderbaren Enkelinnen all das in Zukunft blüht. Da werde ich innerlich zur Hyäne...
    GLG
    Astrid

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    1. ja, frau braucht viel geduld und hoffnung. beides liegt mir nicht gerade....
      liebe grüße,
      jule*

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  4. Genau, gib diesen Honks verbal richtig eins auf die blöde Schnauze, damit sie diese endlich halten.Ich bin jetzt 62 Jahre alt und habe auch richtig miese Erfahrungen im Leben machen müssen (wie wohl die meisten Menschen), hatte aber das Glück, dass ich verbal extremst selten dumm/primitiv/sexistisch/etc angelabert wurde.Vielleicht lag es daran, dass ich, wenn ich nachts alleine unterwegs war, immer absichtlich eine (übertrieben ausgedrückt) Killerfresse gezogen habe, die anscheinend nicht dazu animierte mich blöde anzumachen. Meine Reaktion auf dumme Sprüche war in der Regel: Mittelfinger zeigen, Umdrehen, Weitergehen. Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass die Deppen eine Fortsetzung suchten. Allerdings muss man selbst auch das Gefühl haben: Mir kann keiner was (zumindest nicht verbal).Das strahlt man dann auch aus.
    Leider ist unsere Gesellschaft in den letzten 20 Jahren dermaßen verroht, dass ich mich frage wo das noch hinführen soll. Fatalerweise wird das Verhalten solcher Männer auch durch den alltäglichen Sprachgebrauch von Mädchen/jungen Frauen gefördert, die sich mit unterirdischen Ausdrücken bedenken und das auch noch normal finden. Davon abgesehen sind Jungs untereinander auch nicht besser.
    Lass dich von nichts und niemandem davon abhalten deinen Spaß im Leben zu haben. Wird´s brenzlig, nimm ein Taxi, Hauptsache ist, dass du dich wohlfühlst. Aber gib dir auf gar keinen Fall auch nur ansatzweise die Schuld dafür, dass sich Arschlöcher wie Arschlöcher benehmen.

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    1. ich mag aber gar nicht immer killerfresse ziehen. ich möchte dann gerne fröhlich und leicht sein... und DÜRFEN!!!!
      danke für deine worte.
      liebe grüße,
      jule*

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    2. So sehe ich das auch: Kann frau sich nicht einfach wie ein Mensch durchs Leben bewegen? So ein Gesicht zu machen wirkt sich auch auf die eigene psychische Verfasstheit aus. Will ich aber nicht. Ich will mich meines Lebens freuen dürfen. Und woher haben die Kerle das Recht, mir das zu nehmen?
      LG

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  5. Solche Situationen kommen mir leider allzu bekannt vor. Und die Angst, daß wenn man den Mund aufmacht einem was schlimmeres passiert. Sie sind seltener und weniger heftig geworden, aber ich kann nicht sagen ob es an England liegt oder daran, daß ich kaum noch allein unterwegs bin.
    Liebe Grüße und noch mehr Mut
    Janina

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  6. Meine liebe Jule, danke für Deinen mutigen, leider so wahren Text. So wie Dir geht es so vielen Frauen jeden Tag. Im Job sind die Sprüche subtiler, in der Kneipe eben dann "ungeschönt" - aber hier und da gehen sie an die Substanz und genau das ist erwünscht. Und alle schauen weg. Und, klar, die Angst kommt hoch, man fängt an, Orte zu meiden.... Es ist ein Trauerspiel. Und das zu durchbrechen ist unendlich schwer. Ich finde übrigens, dass Du wahnsinnig mutig und ein tolles Vorbild bist - nicht nur für die Tochter Deines Freundes, sondern z.B. auch für so viele erwachsene Frauen hier in der Bloggeria. Liebste Grüße! Karin

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    1. es liegt wohl an meinem job, der vergleichsweise frauendominiert ist, dass ich die sprüche da zum glück nicht (mehr) habe... und danke für die vorbildnennung.
      liebst,
      jule*

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  7. Frau Jule,
    vielen Dank für das grossartige Mutlied.
    LG
    Petra

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    1. der danke gebührt den fabelhaften menschen von the baboon show!
      liebe grüße,
      jule*

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  8. Wie gut kenne ich das …
    Zurück pöbeln und mich wehren geschieht bei mir meistens reflexartig – oftmals aber auch ohne zuvor die Situation, in der ich mich befinde, einzuschätzen. Bisher immer Glück damit gehabt, die zittrigen Knie hinterher, wenn ich darüber nachdenke, dass es manchmal auch ganz schön gefährlich war führen einen dann wirklich zum nächsten Taxistand. Und auch wenn man das Gefühl hat, alles richtig gemacht zu haben bleibt doch dieses eklige Gefühl und die Frage, weshalb Menschen meinen, das recht zu haben, so mit anderen umgehen zu können. Nervende Ohnmacht.
    Mit 50 Jahren lässt es langsam nach, da falle ich wohl aus der Zielgruppe raus ;-)

    Lieben Gruß aus Frankfurt!
    Andrea

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    1. und was für ein scheißverdammtes glück, dass wir uns das taxi auch leisten können. das dachte ich auch des öfteren...
      liebe grüße,
      jule*

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  9. liebe jule,
    so ging es mir auch schon des öfteren, nur dass ich meine klappe nicht halten kann, bin damit aber bisher glücklicherweise gut durchgekommen.
    das mag aber auch daran liegen, dass ich hier in leipzig connewitz wohne und den stadtteil ungerne verlasse, ist hier wie ne seifenblase.
    komm doch mal zu besuch, würde dir hier gefallen!
    und den spass dürfen wir uns von diesen idioten auch nicht vermiesen lassen <3

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