
Lange, lange schiebe ich diesen Beitrag schon vor mir hier. Weil er kompliziert ist, weil er eigentlich privat ist, aber irgendwie doch große politische und gesellschaftliche Dimensionen hat. Es soll um freiwillige Sterilisation gehen. Ein Thema, das man in Deutschland und auch sonst besser nicht mit der Kneifzange anpackt. Aus geschichtlichen Gesichtspunkten ist es höchstheikel. Nicht nur zu düstersten NS- Zeiten wurden massig Menschen, die eine Behinderung oder psychische Krankheit hatten oder sonstwie als nicht Vermehrungswürdig galten, gegen ihren Willen zwangsterilisiert. Die Sterilisierung behinderter Menschen ist in Deutschland zwar rechtlich offiziell schwierig, wird aber durchaus noch durchgeführt. Ich hatte in meinem Job schon Eltern in der Beratung, denen Gynäkologiemenschen nahe gelegt hatten, ihre oftmals gerade anfangspubertierenden Töchter sterilisieren zu lassen. Da fällt mir hochprofessionell alles aus dem Gesicht und eine Schimpftirade entfleuchen mir. Mittlerweile kenne ich gynäkologische Praxen, die auf geistig behinderte Frauen spezialisiert sind und Sexualerziehung taucht in meiner Arbeit eh immer wieder auf. Eine der größten "Gefahren" für sterilisierte, geistig behinderte Frauen ist Missbrauch durch Betreuungspersonal und durch Familienangehörige, die davon wissen. Zum Einen "weil ja nichts passieren kann", zum Anderen, weil eine
anständige, umfassende Sexualerziehung mit der Sterilisation als unnötig und überflüssig
abgetan wird. Die betroffenen Frauen wissen teilweise nicht, was da mit ihnen gemacht wird und dass sie "Nein" sagen dürfen, bzw. nur "Ja" eben "Ja" heißt. In dem Zusammenhang steigt auch die Gefahr von Missbrauch durch Mitbewohnende in Heimen. Kann man in Fachliteratur zum Thema "Geistige Behinderung und Sexualität" nachlesen, wahlweise in meiner 1. Staatsarbeit. Gesicherte Studien dazu kenne ich nur aus den USA. Dürfte hierzulande nicht anders sein und die Dunkelziffer überall erschreckend. Dunkeldeutschland eben.

Und was ist mit meinem Bauch? Da drin steckt auch ein Gebärorgan. Es soll gebären. Kinder. Das erwartet die Gesellschaft von meinem Bauch. Ich habe aber keine Lust dazu. Hatte ich noch nie. Ich möchte kein Kind und Kinder schonmal gar nicht. Zumindest nicht aus meinem Bauch. Das doofe ist, dass die Gefahr besteht, dass ich schwanger werde. Das ist das mit den Bienchen und Blümchen und so. Möchte ich das verhindern, habe ich natürlich viele Möglichkeiten. Ich habe meine erste Pille mit 18 eingeschmissen. Seit dem bin ich auf Hormonen. Die hormonelle Verhütung ist in meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren mehr und mehr zu Recht in Verruf gekommen. Die Pille erhöht das Risiko eine Depression zu bekommen, oder Thrombosen, verminderte Libido, Gewichtszunahme.... Die Liste ist lang. Gerüchteweise gibt es Beipackzettel in Medikamenten nur, weil die Pille so viele Nebenwirkungen hat. Sie war das erste Medikament mit Beipackzettel. Eine Pille für den Mann hat nach derzeitigem Forschungsstand die gleichen Nebenwirkungen und würde darum keine Zulassung mehr bekommen. Natürlich gibt es Alternativen zur Pille, aber sind die auch so "praktisch"? Temperatur- und Schleimkontrolle, Kondome, Diaphragma... Meines Erachtens nach Nervscheiß. Natürlich: Kondome wegen saver Sex unschlagbar, aber in einer festen sexuellen Beziehung? Wenn ich keine Kinder haben will, niemals? Schon mit Mitte 20 brachte ich bei meiner Frauenärztin also das Thema Sterilisation auf. Das würde mich mit meiner Einstellung auf die sichere Seite schieben, zumindest was das Kinderthema angeht. Mir ist klar, dass das eine Operation mit den entsprechenden Risiken ist, aber sind es die Hormonpräparate nicht auch? Oder eine eventuelle Abtreibung, falls doch mal ein Gummi nicht dicht ist oder sonstwas schiefgeht? "Natürlich" hat sie mich abgewimmelt, mir erzählt, dass ich damit zu keinem Medizinmenschen gehen müsste, bevor ich 40 bin oder mindestens ein Kind hätte. Die gleiche Aussage kassierte ich von zwei weiteren Frauenärztinnen in unterschiedlichen Altersstufen meinerseits. Ich bringe das bei jedem meiner Kontrolluntersuchungen zur Sprache. Wohlbemerkt war eine der Gynäkologinnen davon diejenige, die mir eine kosmetischen Brust OP nahelegte... "Abgeschlossene Familienplanung" bedeutet, dass ich bereits Mutter bin, nicht, dass ich mich dagegen entscheide. Auch bei anderen Beratungsinstitutionen. Es gibt von der Bundesärztkammer keine entsprechenden Leitlinien zum Thema Sterilisation. Ebenso keine politischen. Zumindest habe ich keine gefunden. Die Ablehnung meines Sterilisationswunsches erscheint mir mehr als willkürlich. Gesellschaftlich beeinflusst?

Menschen, denen ich von diesem Wunsch erzähle schauen mich auch nur entgeistert an.
"Aber wenn du doch mal ein Kind willst?"
"Und was passiert, wenn du einen Mann kennenlernst, der unbedingt ein Kind will?"
"Entwicklungspsyhologisch wird noch so viel in deinem Leben passieren!"
"Du würdest das irgendwann bereuen."
Mäh!!! Wenn ich doch nochmal ein Kind will, dann gibt es durchaus auch andere Wege, eines zu bekommen. Es muss ja nicht aus meinem Bauch kommen. Ich bin Pädagogin. Sollte sich meine Einstellung zum Heiraten ähnlich entwickeln, wie die zu eigenen Kindern, wäre ich prädestiniert für eine Adoption oder als Pflegemutter. Der Mann kann dann gerne einer anderen einen Braten in die Röhre schieben. Was soll ich mit einem Mann, der meine Einstellung zu einem so wichtigen Thema nicht teilt? Und als ob ich das nötig hätte: Mit einem Kind einen Mann an mich binden... Entwicklungspsychologie ist mein Job, habe ich auch über das Schulalter hinaus studiert und in meine Überlegungen mit einbezogen. Ich bin ein Mensch, der durchaus denk- und reflektionsfähig ist. Der Wunsch nach Sterilisation ist ja nicht aus einer Alkohollaune heraus entstanden. Ich kann mich an keine bisherige prägende Entscheidung in meinem Leben erinnern, die ich ernstlich bereut hätte.

Mein Bauch gehört mir also nicht wirklich. Er gehört der Gesellschaft, die bestimmt, was ich damit zu tun habe. Es erstaunt und schockiert mich sehr, dass geistig behinderte Mädchen die Sterilisationsempfehlung ohne Probleme bekommen. Sie nichtmal gefragt werden. Ich darf diese Entscheidung als Frau aber nicht selbst treffen. Eigentlich auch egal ob (geistig) behindert oder nicht. Mal wieder entscheiden andere darüber, was frau mit ihrem Bauch machen darf. Andererseits: Ich darf den Beruf wählen,
den ich möchte, ich darf lernen, studieren, Steuern zahlen, wählen gehen. Ich darf
mich tattowieren und piercen lassen, ich dürfte mir Fett absaugen und
die Brüste liften lassen, aber über meine Gebährfähigkeit darf ich nicht
entscheiden. Ich darf mich mit Hormonen kaputt machen und (bedingt legal) abtreiben. Aber die für mich beste Entscheidung über meinen Körper und mein Leben darf ich nicht treffen. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Gibt es eigentlich feministische Menschen, die sich jemals damit beschäftigt haben? Sexuelle Selbstbestimmung und Aufklärung für alle Menschen, ob mit oder ohne (geistige) Behinderung. Ich verhüte derzeit übrigens mit Hormonspirale. Ich muss sie bis zur magischen 40 noch einmal wechseln lassen... Und dann sehe ich mal weiter.... Sexuelle Selbstbestimmung bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr erfordert Opfer. Immer noch auf Seiten der biologischen Frau. Für Männer gilt das übrigens nicht. Freiwillige Sterilisation bei Männern funktioniert hierzulande weitestgehend problemlos und wird ohne große Umstände auch schon ab Ende 20 durchgeführt. Kann man auch mal so arbeiten lassen.

Wenigstens über meine Klamotten darf ich selbst bestimmen. Und ich kann sie selber machen. Ein neues Shirt, ein neuer Rock (alte Bettwäsche) und eine neue Leggins über meinem Bauch, der keine Kinder kriegen wird, unter meinem Kopf, der keine Kinder haben will und sauer darüber ist, dass er so nicht denken und handeln darf. Die Klamottenchnitte sind selbstgebaut. Ich kann ja selber denken und darf das an dieser Stelle auch. Wow! Und heute in der Donnerstagssammlung und am Ende des Monats in die Politisierungssammlung.